Heft 59 (30. Jg. 2017): Psychoanalyse in der Schweiz

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Editorial (S. 5–6)

In jedem Land, in dem sie Fuß fasste, hatte die Psychoanalyse ihre besondere Geschichte, bedingt durch zufällig-persönliche wie durch nationale Faktoren. Das gilt auch für die Entwicklung in der Schweiz, die im Zentrum dieses Hefts steht. Dabei liegt der Akzent auf den Jahren ab 1919, als die freudianische Tradition nach der Zäsur der Jung-Krise wieder auflebte. Der spannungsreiche Verlauf dieses Neuanfangs hatte einerseits viel mit der Eigenart seiner Protagonisten Oskar Pfister und Emil Oberholzer zu tun, war aber auch mitbedingt durch eine typisch schweizerische Abneigung gegen zentralisierende Bestrebungen, ob auf nationaler oder internationaler Ebene. So blieb die Psychoanalyse in diesem europäischen Kern- und Brückenland lange bemerkenswert schwach organisiert und in einer Distanz zur Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV).

Schon die Umstände, unter denen die Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse (SGPsa) im Februar 1919 aus der Taufe gehoben wurde, waren schwierig. Hanns Sachs, der sich in der Schweiz als „Mittelsmann“ der IPV-Zentrale zu etablieren suchte, wollte den neuen Verein torpedieren, weil er ihn nicht als Repräsentanten der wahren Psychoanalyse empfand. Er berichtete darüber in Briefen an Freud, die Michael Schröter ausgewertet hat. In ihnen zeigt sich zugleich, wie Sachs, der Jurist, zum ersten Laienanalytiker stricto sensu wurde. – Schon 1928 erlebte die SGPsa eine schwere Krise. Acht ärztliche Mitglieder traten aus und gründeten eine Schweizerische Ärztegesellschaft für Psychoanalyse – die wegen Nicht-Anerkennung durch die IPV zum Scheitern verurteilt war. Die Geschichte dieser Gesellschaft wird von Thomas Kurz anhand eines umfassenden Archivmaterials nachgezeichnet. Kurz betont, dass die Entscheidung zur Nicht-Anerkennung im Wesentlichen vom IPV-Präsiden­ten Eitingon getroffen wurde – und zwar, noch ehe das „Memorandum“ zur Begründung der Sezession bei ihm angelangt war. Nach seiner Einschätzung spielte bei der Abspaltung ein Widerstand gegen die Verstärkung des Zentralismus in der IPV die größte Rolle.

Nina Bakman betrachtet die ablehnende Haltung der SGPsa gegenüber der Bitte von Heinrich Meng, der 1933 vor den Nazis geflohen war, um Hilfe bei der Ansiedlung in der Schweiz. – Thomas Kurz schlägt den Bogen zur Gegenwart mit einem persönlich gefärbten Lebensbild von Paul Parin, der wesentlich dazu beitrug, dass die schweizerische Psychoanalyse wieder IPV-weit wahrgenommen wurde. Er schildert Parins Weg zur Psychoanalyse und charakterisiert das von ihm mitgeschaffene Psychoanalytische Seminar Zürich, das erste Lehrinstitut in der Schweiz, als „Geschenk“ einiger Mitglieder an die SGPsa. Die Aberkennung der Ausbildungsfunktion des Seminars, das sich nach 1968 zu einer selbstbestimmten Institution entwickelte, „war für Parin eine Niederlage“.

Im Zuge ihrer Beschäftigung mit dem Todestrieb (siehe LUZIFER-AMOR, Heft 51) stellt Ulrike May sechs Briefe vor, die Freud 1922 mit dem holländischen Analytiker August Stärcke ausgetauscht hat. Stärcke hatte 1914 eine eigene These von der Libido als Todestrieb (im Gegensatz zu den Ichtrieben) aufgestellt und fühlte sich durch Freuds neue Konzeption vor den Kopf gestoßen. Der Versuch, mit Freud zu einer Verständigung zu kommen, misslang; die Korrespondenten redeten aneinander vorbei. Kränkend muss für Stärcke gewesen sein, dass Freud ihm eine jungianische Position unterstellte. In ihrem Kommentar bietet May weitere Informationen über Stärcke, der sich in zahlreichen Referaten/Rezensionen als profunder Kenner der psychoanalytischen Literatur erwiesen hat.

In einer intensiven Arbeit, die in zwei Teilen erscheint, referiert und kommentiert Esther Fischer-Homberger die Psychoanalyse-Kritik, die Pierre Janet auf dem Londoner Medizinkongress von 1913 vortrug. Unter anderem sah Janet in einigen Freud’schen Konzepten nur Umbenennungen eigener, früherer Thesen. Er monierte, dass die Freudianer mit ihrer Methode der „symbolischen Konstruktion“ vorgefasste Annahmen in ihr Material hineintrügen, und bezweifelte die ausnahmslose Gültigkeit ihrer ätiologischen Annahmen, besonders hinsichtlich der Sexualität. Offizieller Korreferent in London war C. G. Jung, der aber auf Abstand zu Freud ging. In der Diskussion meldeten sich Fürsprecher und Gegner der Psychoanalyse zu Wort. Als eigentlicher Kontrahent Janets spielte sich Jones in den Vordergrund. Die Erörterung seiner publizierten „Erwiderung“ gegen Janet wird ebenso im nächsten Heft von LUZIFER-AMOR abgedruckt wie anschließende Betrachtungen über „Freud als Unternehmer“.

Eine Miszelle von Christfried Tögel behandelt Josefine Benvenisti, die Freud seine Couch schenkte. Es folgt eine Skizze von Hans Füchtner über den Ethnopsychoanalytiker George Devereux. Wietske van der Wielen setzt der Frau ein Denkmal, die dem aus Berlin geflohenen Max Levy-Suhl ein Überleben im Amsterdamer Untergrund unter der Naziherrschaft ermöglichte.

Online wird wieder eine „Thematisch geordnete Liste von Arbeiten zur Psychoanalysegeschichte in deutschsprachigen Zeitschriften“ veröffentlicht, die zum redaktionellen Stoff dieses Heftes gehört. Roman Krivanek zeichnet dafür letztmals verantwortlich. Wir danken ihm sehr – und freuen uns, in Arkadi Blatow einen Nachfolger gefunden zu haben.

Michael Schröter

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