Heft 60 (30. Jg. 2017): Arthur Kronfeld (1886-1941): Psychiater, Sexualwissenschaftler, Psychotherapeut und Kritiker der Psychoanalyse

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Editorial (S. 5–7)

Arthur Kronfeld gehört zu den führenden Psychiatern, Psychotherapeuten und Sexuologen der Zwischenkriegszeit. Seinem Band Das Wesen der psychiatrischen Erkenntnis hat er als Motto das Zitat „Auf die Möglichkeit der Synthese kommt es an ...“ des Botanikers Camillo Karl Schneider vorangestellt.[1] Die sich darin ausdrückende Maxime, Ansätze verschiedener Autoren, Denkrichtungen und Disziplinen miteinander zu verknüpfen, war bei Kronfeld Programm und zielte auf eine unorthodoxe Synthese, die als dynamischer Eklektizismus verstanden werden kann. Mit seiner beständigen Suche nach Anschlussstellen und Erweiterungen ist Kronfeld auch innerhalb der oben genannten Fächer schwer auf eine klar umrissene Position festzulegen. Das bemerkten schon seine Zeitgenossen, so beispielsweise bei seiner wohl ersten, Aufmerksamkeit erregenden Arbeit Die psychologischen Theorien Freuds und verwandte Anschauungen von 1912, die den Beginn eines zwanzigjährigen von Ambivalenzen geprägten Prozesses der Annäherung an die Psychoanalyse markierte, aber von Freudkritikern (Max Isserlin) als glänzende Widerlegung und von Psychoanalytikern (Freud) als arrogante Ablehnung dieses Denkgebäudes verstanden wurde. Kronfeld widersetzte sich damit einerseits verkürzenden Vereinnahmungen, andererseits hilft diese Grundhaltung zu erklären, dass so wenig neuere Arbeiten in deutscher Sprache über ihn vorliegen. Denn obgleich er ein breites publizistisches Œu­v­re hinterließ und auf eine umfangreiche inner- und außeruniversitäre Lehrtätigkeit verweisen konnte, hatte Kronfeld keine sich auf seinen Denkstil beziehende Schule gebildet. Die Emigration zunächst in die Schweiz später in die Sowjetunion – wo seine Arbeiten zur Schizophrenie noch heute bekannt sind – beförderten das Vergessen in Deutschland.

Dass Arthur Kronfeld hier nicht gänzlich aus dem Bewusstsein verschwand, ist der Beharrlichkeit des 2013 verstorbenen Augsburger Psychotherapeuten Ingo-Wolf Kittel zu verdanken. Er hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, an Kronfeld zu erinnern. Die von ihm geplante umfassende Biografie hat er leider nicht mehr schreiben können. Doch vermachte er sein komplettes, bis in die frühen 1980er Jahre zurückreichendes Sammlungskonvolut der Veröffentlichungen von und zu Kronfeld sowie dessen Umfeld, von Archivalien diverser Provenienz und schließlich von Fotografien dem Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin der Charité. Das ist Anlass, das vorliegende Themenheft von Luzifer-Amor Kronfeld zu widmen, bei dem die Autoren auf Kittels reichen Materialfundus zurückgreifen konnten. 

Neben Karl Jaspers und dem befreundeten Alfred Storch in Heidelberg ausgebildet, gehörte Kronfeld mit Karl Birnbaum, Ludwig Binswanger und Ernst Kretschmer zu jener Generation von Psychiatern, die sich in Ablehnung des Kraepelin’schen Pragmatismus um eine theoretische Neuorientierung des Faches als Wissenschaft und um eine Neukonzeptualisierung der Schizophrenie bemühte; Zeugen dessen sind seine Werke Das Wesen der psychiatrischen Erkenntnis (1920), die Habilitationsschrift  Psychologie in der Psychiatrie (1927) und Perspektiven der Seelenheilkunde (1930). Kronfelds Sichtweise ist noch aus seiner Studentenzeit von der Neuen Fries‘schen Schule, einem Versuch der Weiterführung der Kant’schen Kritik, geprägt. Sein daraus entwickeltes Wissenschaftsverständnis bildet einen wichtigen Bezugspunkt seiner wissenschaftstheoretischen Betrachtung der Psychiatrie, Psychoanalyse und partiell auch der Sexualwissenschaft. Zu sexualwissenschaftlichen Fragen im engeren Sinne, zu denen er sich bereits als Student geäußert hatte, veröffentlichte Kronfeld bis in die frühen 1930er Jahre, besonders intensiv in der Periode zwischen 1919 und 1926, in der er als Sexualtherapeut in Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft arbeitete. Aus dieser Tätigkeit schöpft auch sein Band Psychotherapie, sein Eintreten für die Gründung der Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie (1927); schließlich erfolgte aufgrund dieser Expertise auch seine Berufung zum ersten außerordentlichen Professor für Psychotherapie in Deutschland an Karl Bonhoeffers Psychiatrischer und Nervenklinik der Charité 1931. –

Der erste kurze biografische Text in diesem Heft stammt von Arthur Kronfeld selbst: Es ist seine Vita, die er an der Berliner Universität zu seiner Habilitation 1927 einreichte. Auf die darin dem Zweck geschuldeten Auslassungen nimmt insbesondere der Beitrag von Rainer Herrn Bezug, der sich Kronfelds sukzessiver Annäherung an die Psychoanalyse am Beispiel der Entwicklung seiner sexualwissenschaftlichen Positionen und psychoanalytischen Selbsterfahrungen widmet. Dem schließt sich ein Beitrag von Andreas Seeck an, der sich mit dem Wissenschaftstheoretiker Kronfeld auseinandersetzt. Am Beispiel zweier zentraler Publikationen entfaltet Seeck Kronfelds Versuch einer Neufundierung der Psychiatrie als eigenständige Wissenschaft und seine Kritik des psychoanalytischen Theoriegebäudes. Yazan Abu Ghazals Text beschäftigt sich mit Kronfelds Entwurf einer fundamentalen Anthropologie, die er 1930 in Perspektiven der Seelenheilkunde entwickelte. Der abschließende Beitrag von Michael Schröter bezieht Kronfelds späte Bemühungen um Anerkennung seiner „inoffiziellen“ Lehranalyse angesichts seiner langjährigen Verweigerung psychoanalytischer Gefolgschaftstreue auf seine prekäre wirtschaftliche Situation im Schweizer Exil. 

In der Abteilung der freien Beiträge identifiziert Richard Skues die Patientin in Freuds Krankengeschichte „Ein Fall von hypnotischer Heilung“ (1892–93) als Cathinka Schmidl, eine Bekannte der Familien von Freud und seiner Frau Martha. Er sieht durch seine Entdeckung bestätigt, dass Freuds faktische Angaben prinzipiell glaubwürdig sind, und betont die Bedeutung dieser Art von Patientenforschung für die Rekonstruktion des familiären und professionellen Netzwerks, in und von dem Freud lebte. – Esther Fischer-Homberger erörtert im zweiten Teil ihres großen Aufsatzes über die Debatte um die Psychoanalyse auf dem Londoner Medizinkongress von 1913 die Erwiderung von Ernest Jones auf die Publikation des kritischen Beitrags von Pierre Janet, wobei sie sich u. a. über die Nonchalance wundert, mit der Jones die Frage der Priorität behandelt, und zeichnet mit starken Strichen ein Bild des Unternehmers Freud, der leicht hinter dem Arzt und Wissenschaftler verschwindet. Diese unternehmerischen  Qualitäten hätten viel dazu beigetragen, dass die Psychoanalyse über konkurrierende Ansätze wie den Janets obsiegte. – Lutz Götzmann  schließlich beschreibt Georg Groddecks Behandlungstechnik und skizziert dessen „Psychoanalyse des Lebens“ mit ihren lebensphilosophischen Implikationen.

Im Rahmen der  Kleinen Mitteilungen klärt uns Christfried Tögel über Helene Weiss, Freuds Patintein „Elisabeth von R.“ aus den Studien über Hysterie, auf und trägt zusammen, was aufgrund eines neu zugänglichen Dokumentes aus den Freud-Archives und zusätzlicher eigener Recherchen zu ermitteln war.  Andrea Huppke liefert erneut einen instruktiven Tagungsbericht vom diesjährigen Berliner Symposion zur Geschichte der Psychoanalyse.

Online wird wieder eine thematisch geordnete Liste von Arbeiten zur Psychoanalysegeschichte in deutschsprachigen Zeitschriften (2016) veröffentlicht, erstmals in der Verantwortung von Arkadi Blatow.

Rainer Herrn, Ludger M. Hermanns, Michael Schröter,

 


[1] Kronfeld, A.: Das Wesen der psychiatrischen Erkenntnis. Berlin (Springer) 1920, S. 1.

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