Heft 61 (21. Jg. 2018): Karl Abraham III – Quellen und Dokumente

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Editorial (S. 5–6)

Dass Karl Abraham zu den bedeutendsten Freud-Schülern der ersten Generation gehörte, ist bekannt und rechtfertigt es, sein Leben und Werk gründlich zu erforschen. Zwar liegen inzwischen mehrere Monographien über ihn vor, und auch LUZIFER-AMOR hat ihm schon zwei Themenhefte gewidmet (Nr. 20/1997; 46/2010). Dennoch aber tauchen immer wieder neue Quellen oder überraschende Aspekte auf, die es lohnt in einem weiteren Heft vorzustellen.

Von der ungarisch-britischen Psychoanalytikerin Charlotte Balkanyi ist ein (englisches) Vortragsmanuskript von 1975 über die linguistischen Studien des jungen Abraham überliefert, das um so wertvoller ist, als der Text selbst, der darin betrachtet wird, seither verloren gegangen ist. Die Autorin zeigt, dass sich in diesem Jugendwerk im Keim schon einige der späteren wissenschaftlichen Interessen von Abraham abbilden. – Herta Harsch untersucht die Behandlung der Vater-Sohn-Beziehung in seiner Schrift über Giovanni Segantini. Sie arbeitet heraus, wie Abraham dessen Förderer konsequent unterschlägt, und deutet diese Tatsache als Fehlleistung, die auf seine nicht unkomplizierte Beziehung zu Freud verweist. – Der Briefwechsel zwischen Abraham und seinem engsten Verbündeten und Freund im inner circle um Freud, Ernest Jones, war bisher nur fragmentarisch bekannt; er wird hier von Ludger M. Hermanns unter Mitarbeit von Ernst Falzeder und Michael Schröter erstmals mit allen Stücken, die in diversen Archiven erhalten sind, abgedruckt. Dabei ergeben sich neben der Erörterung wissenschaftlicher Fragestellungen vor allem neue Aufschlüsse über Absprachen im »Komitee« angesichts der Rank-Krise. – Susanne Kitlitschko bietet eine kommentierte Edition der Sitzungsprotokolle des Unterrichtsausschusses der Berliner Psychoanalytischen Vereinigung (BPV) vom März/April 1923, die einen Großteil des Wegs zum später sogenannten Eitingon-Modell der Analytikerausbildung dokumentieren. Bemerkenswert an dem Material ist insbesondere ein früher Text von Hanns Sachs über die Lehranalyse und eine folgenreiche briefliche Intervention Freuds. – Michael Schröter wirft anhand unveröffentlichter Quellen ein neues Licht auf die Nachfolgekämpfe nach Abrahams Tod, aus denen überraschenderweise Max Eitingon als neuer IPV-Präsident und Ernst Simmel als Vorsitzender der BPV hervortraten und die zugleich massive Kränkungen bei Anderen, die übergangen wurden, hinterließen. – Als Arbeitsmittel für die weitere Abraham-Forschung legen die Herausgeber des Freud- Abraham-Briefwechsels (2009) Ernst Falzeder und Ludger M. Hermanns eine Corrigenda- und Addenda-Liste vor, zu der auch einige KollegInnen Beiträge geleistet haben.

In der Abteilung »Aus der Forschung« referiert Anna Lindemann einige Ergebnisse ihrer Dissertation über Freuds Cocain-Studien. Sie vergleicht diese mit dem zeitgenössischen Forschungsstand, wobei sie sowohl Freuds Innovationen unterstreicht als auch das Konventionelle seiner Forschungspraxis, was angesichts der Kritik, die daran geübt wurde, nicht irrelevant ist. – Die New Yorker Psychoanalytikerinnen Nellie L. Thompson und Helene Keable untersuchen die ersten 20 Jahrgänge der Zeitschrift The Psychoanalytic Study oft he Child als eine Art Brennspiegel der entsprechenden Phase der psychoanalytischen Theoriegeschichte. Sie stellen die Hauptautoren vor, beleuchten die bestimmende Rolle von Ernst Kris und zeigen, wie die Zeitschrift einer Gruppe von Wiener Emigranten dazu diente, eine Kontinuität mit der zerstörten wissenschaftlichen Community der Vor-Nazizeit wiederherzustellen und so das Trauma des Verlusts zu bewältigen.

Als »Kleine Mitteilung« wird von Galina Hristeva ein kritischer Buch-Essay zu Peter-André Alts Freud-Biographie vorgelegt. Rezensionen und Buchanzeigen beschließen das Heft, in dem auch dieses Mal dankenswerterweise Magdalena Frank einige Beiträge lektoriert hat.

Ludger M. Hermanns

In eigener Sache

Ab dem nächsten Heft werden auf dem Umschlag und Titelblatt von LUZIFERAMOR zwei neue Mitherausgeber erscheinen, die uns entlasten und neue Impulse für die zukünftige Ausrichtung und Gestaltung der Zeitschrift beisteuern wollen. Sie sind für unsere Leser keine Unbekannten. Der Psychoanalytiker Michael Giefer-Palme (Bad Homburg) redigiert schon seit Jahren zuverlässig und kompetent den Rezensionsteil und wird in Zukunft darüber hinaus auch Themenschwerpunkte betreuen. Der Berliner Medizinhistoriker Rainer Herrn hat bereits im letzten Heft (Nr. 60/2017) als Gastherausgeber des Schwerpunkts »Arthur Kronfeld« mitgewirkt. Er wird insbesondere seine umfassende Vertrautheit mit der neueren Psychiatrie- und Psychotherapiegeschichte sowie der Geschichte der Sexualwissenschaft in das Profil der Zeitschrift einbringen. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit beiden Wissenschaftlern, von der wir uns auch eine Erweiterung unseres Themenspektrums versprechen.

Ludger M. Hermanns und Michael Schröter

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