11.11.2018

Heft 62 (31. Jg. 2018) I: S. Freud, Das Ich und das Es (Entwurf 1922) II: Gerhart Scheunert

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Werner Bohleber
Gerhart Scheunerts psychoanalytische Arbeiten in den 1950er Jahren – eine wissenschaftsgeschichtliche Analyse (S. 93-116)

Zusammenfassung: Anhand von Gerhart Scheunerts Arbeiten, die er zumeist in den 1950er Jahren verfasst hat, wird gezeigt, wie er sich mit der wissenschaftsgeschichtlichen Situation jener Zeit auseinandersetzte, welche Position er dazu bezog und welche affektiv aufgeladenen Verwerfungen in seinen Argumentationen zu erkennen sind. Scheunerts Identifizierung mit der Ich-Psychologie hat alte Anschauungen und Denktraditionen überdeckt, wodurch Diskrepanzen erzeugt wurden, die seine theoretisch-klinischen Konzeptentwicklungen prägten. Es ging ihm darum, zur unverfälschten Theorie und Praxis der Psychoanalyse Freuds zurückzukehren und unverbrüchlich an der klassischen Analyse des Einzelnen festzuhalten. Gleichzeitig nahm er neuere Entwicklungen auf und verfasste eine für die Psychoanalyse in Deutschland wegweisende Arbeit zur Gegenübertragung. Er selbst suchte die Balance zu halten zwischen dem strengen Befolgen der Regeln der klassischen analytischen Methode und einer größeren Offenheit gegenüber der jeweiligen Beziehung zwischen Analytiker und Analysand. Scheunert steckte dabei in einem inneren Konflikt, der von Schuldgefühlen über die Anpassungen der Psychoanalyse Gerhart Scheunerts psychoanalytische Arbeiten in den 1950er Jahren 115 im Nationalsozialismus gespeist wurde und verhinderte, dass er fruchtbare Elemente aus den Debatten der 1950er Jahre um die philosophische Anthropologie und um das Konzept der Begegnung aufgreifen und weiterentwickeln konnte.

Summary: A scientific-historical overview of Gerhart Scheunerts psychoanalytic papers from the 1950s. On the base of Gerhart Scheunert‘s works most of which were written in the 1950s, this paper shows how he dealt with the scientific-historical situation of that time, which position he held towards it and which affectively charged distortions can be recognized in his arguments. Scheunert’s identification with ego-psychology covered old beliefs and thought traditions which caused discrepancies that shaped his theoreticalclinical conceptual developments. He aimed at returning to the unadulterated theory and practice of Freud’s psychoanalysis and at adhering unswervingly to the classical analysis of the individual. At the same time, however, he took up newer developments and wrote a paper on counter-transference which proved to be seminal for psychoanalysis in Germany. He himself tried to maintain a balance between strictly following the rules of the classical analytical method and greater openness towards the respective relationship between analyst and analysand. Scheunert was caught up in an internal conflict fed by feelings of guilt about the adaptations of psychoanalysis to the National Socialist regime that prevented him from taking up and further developing fruitful elements from debates of the 1950s about philosophical anthropology and about the concept of encounter.

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