Heft 39 (20. Jg. 2007): Emigrantenschicksale

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Editorial (S. 5–6)


Das Thema "Emigration" ist für eine Zeitschrift wie LUZIFER-AMOR ein bleibender, unumgänglicher Schwerpunkt – aus zwei Gründen. Zum einen, weil die Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten einen Großteil der besten Vertreter der Freud-Schule, die bis in die 1930er Jahre auf Wien, Berlin und Budapest konzentriert waren, zum Exodus zwang, so dass sich die mitteleuropäischen Traditionen der Psychoanalyse in anderen Teilen der Welt ausbreiteten, was die Geschichte des Fachs mitgeprägt hat. Dies ist der objektive, wissenschaftshistorische Grund. Hinzu kommt ein subjektiver, moralischer Grund, der in besonderem Maße für deutsche Forscher gilt: viele von ihnen empfinden eine Verpflichtung, durch Erinnerungsarbeit zur Bewältigung deutscher Schuld beizutragen – auch der zurechenbaren Schuld, die deutsche Analytiker gegenüber ihren jüdischen Kollegen auf sich geladen haben – und sich der Verluste zu vergewissern, die ihre eigene wissenschaftliche Tradition durch die Geschehnisse der Nazizeit erlitten hat. Beide Aspekte spielen in unterschiedlichem Mischungsverhältnis in den Beiträgen zum Themenschwerpunkt dieses Hefts eine Rolle. Die gründliche Arbeit an Quellen, auf der sie alle beruhen, gewinnt je nachdem, welcher Aspekt vorherrscht, eine spezifische Qualität: im einen Fall dient sie mehr den Regeln des historiographischen Metiers, im anderen der Abwehr des Vergessens.

Edith Weigert(-Vowinckel), deren Leben und Werk Maren Holmes darstellt, spielte in Washington, D. C., wohin ihr Weg sie schließlich führte, eine wissenschaftshistorisch bedeutsame Rolle. Sie war selbst keine Jüdin, sondern verließ Deutschland um ihres jüdischen Mannes willen und zog zunächst in die Türkei. In Washington trug sie durch ihre integrative Tendenz dazu bei, dass die dortige Vereinigung nicht am Konflikt zwischen der IPV-Gruppe und den Sullivan-Anhängern zerbrach. Mit seinem Beitrag über Hans Erich Haas, der als erster Analytiker in Köln praktizierte, will Ulrich Schultz-Venrath nicht zuletzt seine Kölner Kollegen an ein vergessenes Kapitel der Lokalgeschichte erinnern. Als Haas 1936 nach England emigrierte, ging er wieder in die Provinz und wirkte als Pionier der Freud-Schule in Birmingham. Er repräsentiert den Beginn einer "Normalisierung" der Psychoanalyse, die in Deutschland zunächst steckenblieb: ihrer Etablierung als therapeutisches Spezialfach, getragen von Praktikern ohne dezidiertes Forschungsinteresse. Ebenfalls zum "Fußvolk" der Bewegung zählte Hans Kalischer, über den Anne Hermanns schreibt. Er war Pädagoge, Mitglied des Berliner Kreises um Siegfried Bernfeld. Sein Lebenslauf zeigt einmal mehr, wie schwer es Nicht-Ärzte hatten, die sich in den USA als Analytiker niederzulassen suchten. Bezeichnend auch, dass es für Leute wie Kalischer, die sich für die Psychoanalyse interessierten, noch kein geregeltes Curriculum gab – auch der Aufbau eines solchen wurde durch die Nazis abgeschnitten –, so dass er keine abgeschlossene analytische Ausbildung aufweisen konnte.

Anna Kattrin Kemper, von der Hans Füchtner berichtet, gehörte der nächsten Generation an. Ihr Wechsel von Berlin nach Rio de Janeiro fand erst 1948 und unter entsprechend anderen Bedingungen statt. An der Seite ihres Mannes, Werner Kemper, beteiligte sie sich tatkräftig am Aufbau psychoanalytischer Institutionen in ihrer neuen Heimat. Bei ihr fallen weniger die Belastungen als die Chancen ins Auge, die mit der Emigration verbunden sein konnten. Sie stieg ohne formelle Ausbildung bis zur Position einer Lehranalytikerin auf, was anderswo unmöglich gewesen wäre. Allerdings trug sie so auch das ihre zu den Turbulenzen bei, von denen die Psychoanalyse in Rio immer wieder erschüttert wurde. 

In der Abteilung der freien Beiträge teilt Renate Müller-Buck ihren Fund mit, dass die angebliche psychoanalytische Behandlung von Friedrich Nietzsche bei Josef Breuer zwar eine Roman-Phantasie ist, die aber einer realen Episode in den 1880er Jahren erstaunlich nahekommt. Michael Molnar betrachtet eine Photographie vom Anfang des 20. Jahrhunderts, auf der drei unbekannte Jungen und ein abgeschnittener Arm zu sehen sind. Er vermutet, dass einer der Jungen der zwölfjährige Ernst, Freuds jüngster Sohn, sei, und deutet das Bild entsprechend aus. Bei alledem reflektiert er die merkwürdige Schwebe, in der seine Analyse dadurch bleibt, dass die faktische Richtigkeit dieser Identifizierung ganz unsicher ist, ähnlich wie bei einer Kindheitserinnerung. Von der betrüblichen Entdeckung eines Plagiats erzählt Ulrike May: Johannes Cremerius hat in seiner Einleitung zu Karl Abrahams Gesammelten Werken bei Ernest Jones abgeschrieben.

Zum Schluss bleibt dankbar zu vermerken, dass sich Magdalena Frank bereit erklärt hat, ihre langjährige Erfahrung als Verlagslektorin in den Dienst von LUZIFER-AMOR zu stellen. Mit ihrer Hilfe war es leichter, im vorliegenden Heft einen Schritt zu tun, der früher oder später unvermeidlich war: die Umstellung auf die neuen Rechtschreibregeln, an denen sich ohnehin immer mehr Autoren orientieren.

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