Heft 40 (20. Jg. 2007): Kurt R. Eissler

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Editorial (S. 5–6)


In diesem Jahr feiert LUZIFER-AMOR, die weltweit älteste Zeitschrift zur Geschichte der Psychoanalyse, ihr zwanzigjähriges Bestehen. Passend dazu ist das vorliegende Jubiläumsheft einer der zentralen Gestalten in der Entwicklung unseres Gebiets gewidmet: Kurt Robert Eissler.

Es gibt niemanden, dem die Freud-Forschung so viel zu verdanken hat wie Eissler, und niemanden, der von Freud-Forschern so gescholten wurde wie er. Der Anspruch auf Dankbarkeit ist objektiv-bleibend, kommt aber kaum zur Geltung, die Schelte ist subjektiv-ephemer und drängt sich lautstark nach vorn. Wer in Washington in der Library of Congress die Sammlung der Sigmund Freud Papers benutzt, nimmt deren Verfügbarkeit fraglos hin und denkt nicht an den Mann, der sie aufgebaut hat. Wer jedoch auf einen Hinweis stößt, der den Zugang zu einzelnen Dokumenten versperrt (es werden immer weniger), entflammt in Empörung über ihn, der die Restriktion mit Rücksicht auf Donatoren und Interviewpartner verhängt hat, und schimpft, als ob die Freiheit der Wissenschaft auf dem Spiel stünde und nicht primär das eigene Projekt.

Die Energie, die Eisslers Archiv-Unternehmen antrieb, entsprang seiner unendlichen Wertschätzung für das Genie Freuds. Diese ließ ihn auch immer wieder zur Feder greifen, wenn er fand, dass der Begründer der Psychoanalyse von einem Autor in ein schiefes Licht gerückt wurde. Dass sich die Freud-Biographik jahrzehntelang in einem polarisierten Feld zwischen Idealisierung und Denkmalsturz bewegte, war nicht zuletzt eine Folge seines eifernden, obwohl in der Sache meist gut begründeten Engagements. Und als wäre dies nicht genug, wurde Eissler auch zum exemplarischen Gegner all derer, die für eine weniger rigide Handhabung der psychoanalytischen Technik eintraten, weil er einen der kanonischen Texte zur Begründung der "klassischen", auf Neutralität des Analytikers abzielenden Technik geschrieben hat.

Durch seine Freud-biographischen Schriften, aber auch durch seine großen Untersuchungen über Goethe oder Leonardo da Vinci hat Eissler in den 1970er–1990er Jahren, besonders im deutschsprachigen Bereich, so viel zur Außenwirkung der Psychoanalyse beigetragen wie kaum jemand sonst. Wer aber war dieser wirkmächtige, vielumstrittene Mann? Über seine Person und sein Leben wusste man bisher wenig. Diese Lücke versucht der erste Beitrag zum Themenschwerpunkt ein wenig zu schließen. Thomas Aichhorn und Michael Schröter legen umfangreiche Auszüge aus dem Briefwechsel vor, den Eissler 1945–1949 mit seinem Wiener Mentor August Aichhorn geführt hat. Es ist eine widersinnig anmutende Paarung: hie Eissler, die scheinbare Inkarnation der Freud-Orthodoxie, da Aichhorn, der zutiefst innovative Begründer eines neuen Felds psychoanalytischer Praxis. Eissler, der so wenig von sich preisgab, wird in diesen Briefen als ein leidenschaftlicher Mensch erkennbar, in Liebe, Hass – und Selbstkritik. Nicht zuletzt bietet er uns eine Binnensicht der Emigrationserfahrung, die in der psychoanalysehistorischen Literatur einzig dasteht. Und an Aichhorn bewundert man den Takt, mit dem er die glühende Übertragung des anderen väterlich annimmt, freundschaftlich erwidert und realistisch einhegt.

Dass das Bild von Eisslers dogmatischer Strenge in puncto analytische Technik mehr einem Klischee entsprechen könnte als der Realität, legt der folgende Beitrag nahe, in dem Emanuel E. Garcia die wichtigsten klinischen Arbeiten Eisslers vorstellt. Als Hauptkennzeichen seines therapeutischen Ansatzes tritt die Flexibilität hervor, mit der er auf die jeweiligen Erfordernisse der Patienten einging, getragen von einer umfassenden Aufmerksamkeit für die analytische Situation (einschließlich so wenig beachteter Facetten wie der Honorarfrage). Ulrich Weinzierl erzählt von seiner persönlichen Beziehung zu dem Mann, der hier erneut als warmherziger Freund erscheint, diesmal in der Position des Älteren. So wie Eissler zur Verehrung fähig und bereit war, so zog er die Verehrung Jüngerer auf sich, was seine Wirkungsgeschichte erheblich mitgeprägt hat.

Die beiden thematisch freien Aufsätze des Hefts schließen gut an den Schwerpunkt an. Im ersten weist Gerhard Fichtner nach, dass Freuds Text über "Psychische Behandlung (Seelenbehandlung)" zu Unrecht auf 1890 datiert worden ist; die Erstveröffentlichung war im Jahr 1905. Bei einer Neuauflage des Werks, in dem der Text erschien, fügte Freud 1918 eine aktualisierende Erweiterung hinzu, die bisher ganz unbekannt war und hier erstmals wieder abgedruckt wird. Eveline List würdigt den Pionier der Psychoanalysegeschichte in Österreich, Wolfgang Huber. Sie arbeitet besonders heraus, wie sich Huber von seinem katholischen Hintergrund abgelöst und mit ihm auseinandergesetzt hat. En passant berührt sie auch seinen Kontakt mit Eissler.

In Eissler'schem Geist, aber ohne Apologetik stellt Albrecht Hirschmüller klar, dass die Tatsache, dass Freud auf einer Ferienreise ein gemeinsames Zimmer für sich und seine Schwägerin gebucht hat, noch kein Beleg für eine intime Beziehung der beiden ist. Helmut Dahmer betrachtet eine neue Mitscherlich-Biographie. Eine Liste von jüngsten Arbeiten zur Psychoanalysegeschichte in deutsch- und englischsprachigen Zeitschriften beschließt, wie jeden Herbst, das Heft.

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