Heft 41 (21. Jg. 2008): Faszination Freud

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Editorial (S. 5–6)


Es gibt seit jeher eine enge Verbindung zwischen LUZIFER-AMOR und dem jährlichen Symposion für Geschichte der Psychoanalyse, das 1987 in Kassel gegründet wurde und seit 1996 in Tübingen stattfindet. Beide Einrichtungen sind gleich alt: Kinder der damaligen vibrierenden Stimmung des Aufbruchs in der deutschsprachigen Psychoanalysegeschichte, aus der eine Bewegung erwuchs, die seither viele Früchte getragen hat.

Das wichtigste Zentrum dieser Bewegung ist zweifellos das Tübinger Institut für (Ethik und) Geschichte der Medizin mit den Professoren Gerhard Fichtner und Albrecht Hirschmüller, die das regelmäßige Symposion ausrichten. Als deshalb der Plan auftauchte, im September 2007 den 60. Geburtstag von Albrecht Hirschmüller durch ein Symposion außer der Reihe mit vier geladenen Referenten zu feiern, lag es nahe, die Beiträge in einem speziellen Themenschwerpunkt von LUZIFER-AMOR zu versammeln, als Ausdruck der Wertschätzung und Gratulation. Dass die Veranstaltung wesentlich im Zeichen der "Faszination Freud" stand, war so nicht geplant gewesen, zeigte sich aber im Lauf der Dinge – und hatte dann auch seine Richtigkeit in Bezug auf die Person des Jubilars.

Im ersten Schwerpunkt-Beitrag betrachtet Michael Schröter die Briefe Freuds an seine fünf älteren Kinder. Er findet, dass Freud ein liberaler, durchaus präsenter Vater war: präsent in der zuverlässigen Verfügbarkeit in Krisen- oder Ausnahmesituationen und liberal, insofern er zwar wusste und sagte, was er für richtig hielt, den Kindern aber zugleich Raum für eigenes, abweichendes Denken und Handeln ließ. Die Qualitäten, die er als Vater zeigte, kamen auch seinen Patienten zugute. Den krummen Weg, auf dem sich der Beziehungsaspekt allmählich in der Psychoanalyse durchsetzte, beleuchtet André Haynal. Am Anfang stand die Beobachtung "okkulter" Phänomene z. B. durch Freud und Ferenczi, die dann zunehmend als Äußerungen der Übertragung und Gegenübertragung, aber auch der Identifizierung begriffen wurden, bis sich Formen der Deutung entwickelten, die nicht mehr auf historische Rekonstruktion, sondern auf Beziehungsmodifikationen abhoben.

Im Zuge seines breiten Nachdenkens über nicht-verbale Aspekte des Traums beschreibt Joachim F. Danckwardt anhand einiger Kunstwerke, wie die Arbeit mit bildnerischen Mitteln Bewusstsein aus dem Ozean des inneren und äußeren Unbewussten zu schaffen vermag, und analysiert ein Beispiel aus der Traumdeutung, wo Freud den Weg der Traumarbeit, die sich vielfach derselben Mittel bedient, indem sie u. a. Affekte durch Farben darstellt, in umgekehrter Richtung zurückverfolgt. Gerhard Fichtner entwirft ein Bild von Samuel Hammerschlag mit Frau und Kindern, beschreibt die Beziehung Freuds zu ihnen, dokumentiert dessen Briefe an sie, macht verständlich, warum gerade sein Religionslehrer Hammerschlag einen tiefen Eindruck auf den jungen Freud machte, und bekräftigt nicht zuletzt, dass Anna Lichtheim-Hammerschlag hinter der "Irma" im bekannten "Mustertraum" der Traumdeutung steckt.

Auch einige der folgenden Beiträge stehen, sei's gezielt oder de facto, in einer Beziehung zu Albrecht Hirschmüller. Michael Molnar prüft anhand eines Photos, das Freud mit Ehefrau, Schwägerin und Mutter zeigt, was sich historisch über die angebliche "Minna-Affäre" ausmachen lässt. Er erklärt die Frage für unentscheidbar und verlegt den Fokus des Interesses mit Hilfe von Freuds Verlobungskorrespondenz auf die anhaltende Beziehungsarbeit hinter der Ehe. Ein Forschungsschwerpunkt des Tübinger Instituts ist das Archiv der ehemaligen Privatklinik Bellevue in Kreuzlingen, das in einer Reihe von Dissertationen unter Hirschmüllers Leitung ausgewertet wird. In diesem Kontext entstand die Arbeit von Andrea Henzler über Ludwig Binswangers Technik in seinen ersten psychoanalytischen Fällen. Man sieht, wie Binswanger aus dem Forschungsinstrument des Assoziationsexperiments ein Mittel der Therapie zu schmieden versuchte, wie die Übertragungen durch die Sanatoriumssituation beeinflusst wurden und wie hilflos der Analytiker vor der Fülle an sexualisiertem Material stand, dessen Produktion er forcierte.

Claudia Frank stellt ein unveröffentlichtes Papier von Melanie Klein über Don Juan vor. Sie untersucht die historische Situation von 1939, in der es entstand, und gibt mit ausführlichen Zitaten seine Hauptthesen wieder. Don Juans Genitalität ist nach Klein von oralen Impulsen und Ängsten bestimmt und dient der Abwehr eines depressiven Zusammenbruchs. Hartmut Buchholz untersucht den Einfluss der Psychoanalyse auf Wolfgang Hildesheimer, der sich 1940 in Jerusalem einer Analyse unterzog. Deren wohltätige Nützlichkeit und intellektuelle Fruchtbarkeit pries Hildesheimer sein Leben lang und stellte sie z. B. in seinen Büchern über Mozart und den fiktiven Kunsttheoretiker Sir Andrew Marbot unter Beweis. Eine Mitteilung über Hans Prinzhorns Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse in den 1920er Jahren steuert Klaus Hoffmann bei.

Mit einem Nachruf von Roland Kaufhold gedenkt LUZIFER-AMOR Ernst Federns, der in den ersten Jahren der Zeitschrift eine tragende Rolle für sie spielte.

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