Heft 42 (21. Jg. 2008): Funde im Eitingon-Nachlass, Jerusalem

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Editorial (S. 6–7)


Alles historische Wissen ist gebunden an überlieferte Zeugnisse der Vergangenheit. Deshalb birgt jeder neu erschlossene Nachlass das Versprechen, dass durch ihn größere oder kleinere Areale der Geschichte, die bisher dunkel waren, ausgeleuchtet werden. So war es ein Meilenstein der psychoanalysehistorischen Arbeit, als in den 1980er Jahren in London der Nachlass von Ernest Jones bekannt wurde. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass die Papiere von Max Eitingon, die zunächst verschollen schienen, dann aber auf einmal da waren und seit Kurzem in den Israel State Archives (Jerusalem) in eingescannter Form zugänglich sind, einen vergleichbaren Fortschritt der Forschung bringen werden. Es stecken darin viele virtuelle Erzählungen – Bücher, große Aufsätze, Miszellen. Eine Ahnung von der Fülle und vom Spektrum dieser Möglichkeiten können die Beiträge zum Themenschwerpunkt des vorliegenden Hefts vermitteln. Ihre Niederschrift wurde durch die Redaktion von LUZIFER-AMOR angeregt. Vielleicht werden sie andere Autoren ermuntern, in dem Material ihrerseits auf Entdeckungsreise zu gehen.

Niemand war in der Geschichte der Psychoanalyse so zentral mit Fragen der Ausbildung befasst wie Eitingon. Zu dem einschlägigen Material, das in seinem Nachlass erhalten ist, gehört ein Manuskript von Helene Deutsch (1927/1935) über Probleme der "Kontrollanalyse" (Supervision). Claus-Dieter Rath stellt diesen im deutschen Original bisher unbekannten Text vor, der wenig von seiner Aktualität verloren hat, und schickt ihm eine sorgfältige Studie zur Entwicklung der Einrichtung der "Kontrollanalyse" von ca. 1920 bis 1938 voraus. Er verfolgt deren allmähliche Institutionalisierung, die wechselnde Akzentsetzung von Anleitung, Patientenschutz oder Überwachung und besonders die unterschiedliche Konzeptualisierung als technische Unterweisung oder analytische Aufklärung des angehenden Analytikers über sich selbst, womit jeweils eine unterschiedliche Zuweisung der Kontroll-Aufgabe an einen anderen Analytiker (Berlin/Wien) oder an den Lehranalytiker (Budapest) verbunden war.

Eher miszellenartig sind die anschließenden Beiträge. Michael Schröter erzählt von einer Bewerbung des Frankfurter Neurologen Kurt Goldstein um Aufnahme in die IPV sowie von einer Pressekonferenz, bei der Albert Moll, Berliner Psychotherapeut und Sexuologe, die Psychoanalyse attackierte, so dass Freud seine Unterstützung des 1. Internationalen Kongresses für Sexualforschung 1926 zurückzog. Sabine Richebächer gibt einen Einblick in die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Sabina Spielrein in der Sowjetunion anhand eines Briefs, der das bisher einzige Schriftstück von ihrer Hand aus der Zeit nach 1923 darstellt. Michael Giefer zitiert die überraschend warmen Worte, mit denen Eitingon Georg Groddeck bei seinem ersten Vortrag in der Berliner Gruppe Ende 1930 (sic) begrüßte, und skizziert davon ausgehend dessen schwieriges Verhältnis zu seinen deutschen Kollegen. Als Beispiel für die vielen Aufschlüsse zur Emigrationsgeschichte deutscher Analytiker nach 1933, die der Eitingon-Nachlass bietet, legt Hans Füchtner eine Arbeit über Adelheid Koch vor, die 1936, frisch ausgebildet, nach Brasilien ging und eine IPV-Gruppe in São Paulo aufbaute. Eran J. Rolnik, der mit Hilfe des Eitingon-Materials und einiger ihm angegliederter Bestände ein (bisher nur auf Hebräisch zugängliches) Buch über die Geschichte der Psychoanalyse in Palästina/Israel verfasst hat, präsentiert zwei Briefe, die ein Schlaglicht auf diese Geschichte werfen: einen von Albert Einstein, der Eitingon von der Emigration nach Palästina abriet, und einen von Anna Freud, die in der Jerusalemer Gruppe ein Bollwerk der freudianischen Tradition sah.

Neben dem offiziellen hat das vorliegende Heft einen zweiten, inoffiziellen Schwerpunkt: das hundertjährige Jubiläum der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Peter Klemperer und Michael Schröter haben aus diesem Anlass ein Oral History Interview übersetzt, in dem Paul Klemperer von der Frühzeit der Gruppe um Freud erzählt. Von deren vorläufigem Ende berichtet zuvor Christiane Rothländer. Sie schildert die Bemühungen von Carl Müller-Braunschweig, die Vereinigung unmittelbar nach dem "Anschluss" im März 1938 in das Berliner "Göring-Institut" zu überführen, rekonstruiert das Gegeneinander der verschiedenen Akteure und weist aufgrund breiter Archiv-Studien nach, dass Müller-Braunschweigs Mission aufgrund der bestehenden Machtverhältnisse und geltenden Kompetenzen von Anfang an zum Scheitern verurteilt war.

Unter den "Kleinen Mitteilungen" stellt Lothar Müller die publizierte Krankenakte von Aby Warburg aus Binswangers Sanatorium "Bellevue" vor. Als regelmäßige Rubriken erscheinen der Bericht von Manfred Klemann über das jährliche Symposion zur Geschichte der Psychoanalyse und eine thematisch geordnete Liste von jüngsten Arbeiten zur Psychoanalysegeschichte in deutsch- und englischsprachigen Zeitschriften.

Zum Schluss ein herzliches Dankeswort an die Blum-Zulliger-Stiftung (Bern) mit ihrem Vorsitzenden Dr. Kaspar Weber, die sich bereit gefunden hat, die Redaktionsarbeit für LUZIFER-AMOR bis auf weiteres mit einem finanziellen Zuschuss zu unterstützen.

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