Heft 45 (23. Jg. 2010): Freud-Patienten

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Editorial (S. 5-7)

Für die Freud-Forschung ist 2010 ein langerwartetes Jubeljahr. Nun endlich, da die 70-jährige Schutzfrist nach seinem Tod abgelaufen ist, können Freuds Texte publiziert werden, ohne dass dafür eine Genehmigung beim literarischen Agenten seiner (Ur-)Enkel eingeholt und Gebühren oder Tantiemen bezahlt werden müssen. LUZIFER-AMOR wird dank dieser Befreiung in Zukunft vermehrt unveröffentlichte Freud-Briefe abdrucken.

Einen Anfang damit machen die Beiträge zum Themenschwerpunkt des vorliegenden Hefts. Sie beziehen sich auf einzelne Patienten Freuds, d. h. im weiteren Sinn auf seine therapeutische Praxis. Von allen Aspekten des Freud'schen Werks – seiner klinischen und allgemein-psychologischen Theorie, seiner Organisation und seiner Praxis – hat der letzte bisher die geringste Aufmerksamkeit gefunden. Das ist sachlich unbegründet, da Freuds globaler Erfolg wesentlich darauf beruht, dass er das Modell einer im Fortgang des 20. Jahrhunderts boomenden professionell-therapeutischen Tätigkeit geschaffen hat. Insofern ist die Frage nach seiner Praxis von unmittelbarer Relevanz für seine direkten und indirekten Nachfolger. Dass sich Freuds eigenes Verhalten als Analytiker nicht immer mit seinen technischen Ratschlägen für andere deckte, ist ein bekanntes Ergebnis einschlägiger Arbeiten. Aber Details über seine therapeutische Praxis sind schwer zu ermitteln; man muss sie zumeist aus Briefmaterial und publizierten Patienten-Erinnerungen zusammentragen. Eine Reihe von Einzelstudien über Patienten kann helfen, den Boden für eine umfassendere Darstellung zu bereiten.

Allerdings sind der Verwendung von Informationen über Freud-Patienten, auch wo man sie hat, Grenzen gezogen. Es handelt sich dabei inzwischen weniger um rechtliche Grenzen: In Deutschland jedenfalls wird personenbezogenes Archivgut normalerweise 60 Jahre nach Entstehung des Dokuments, 10 Jahre nach dem Tod bzw. 90 Jahre nach der Geburt des Betroffenen zur Nutzung freigegeben. Aber bei psychotherapeutischen Patienten erfordern ethische Rücksichten, dass auch noch etwaige Kinder der Betroffenen vor ärztlichen Enthüllungen über ihre Eltern geschützt werden. Deshalb werden die Namen von Freud-Patienten, entgegen den Interessen der Forschung, von problembewussten Herausgebern seiner Korrespondenzen nach wie vor unkenntlich gemacht. Die Verteidigung des Persönlichkeitsschutzes droht jedoch zur realitätsfernen Prinzipientreue zu werden, wenn sie nicht mit Regelungen einhergeht, die dem natürlichen Verblassen des Persönlichkeitsrechts im Lauf der Zeit Rechnung tragen. Wer würde Einspruch erheben gegen die Veröffentlichung von Patientendaten aus der Praxis von Mesmer? Irgendwann wird diese Historisierung auch Freud erreicht haben; strittig kann nur sein, ob oder wieweit sie ihn heute schon erreicht hat. Könnte man nicht pragmatisch sagen, dass das ethische Erfordernis eines Patientenschutzes ab 100 Jahren nach der Behandlung genügend abgeklungen ist – eine Grenze, jenseits derer gewöhnlich auch keine Kinder mehr am Leben sind? Welches Gut durch die Verheimlichung des Namens und der Krankengeschichte eines Freud-Patienten, der 1893 behandelt wurde, 1897 gestorben ist und keine Nachkommen hinterlassen hat, im Jahr 2010 noch geschützt werden soll, ist jedenfalls schwer zu verstehen.

Die zuletzt genannten Zahlen beziehen sich auf den Fall, über den Ernst Falzeder und Angela Graf-Nold im ersten Beitrag dieses Hefts berichten. Der tschechische Politiker Gustav Eim war 1892/93 wegen Alkoholabhängigkeit bei Freud in Behandlung, bis ihn dieser in das Binswanger'sche Sanatorium Bellevue überwies. Das erhaltene Überweisungsschreiben gibt einen Einblick in Freuds voranalytische Praxis und in seine damalige Vernetzung mit der Wiener Ärzteschaft, wobei der Internist Hermann Nothnagel als Bezugsperson hervortritt. Eim ist der einzige Freud-Patient, dessen Name im vorliegenden Heft erstmals und ohne Erlaubnis der nächsten Angehörigen veröffentlicht wird. Bei den zwei holländischen Schwestern van der Linden, von denen Harry Stroeken berichtet, liegt eine solche Erlaubnis vor. Ihr Fall illustriert, wie sehr Freud in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg zu einem international gesuchten Spezialarzt der besseren Kreise wurde.

Dem ungarischen Schriftsteller Viktor von Dirsztay hat Ulrike May eine intensive Untersuchung gewidmet. Er gehört zu der kleinen Gruppe wohlhabender Patienten, die mehr als 1000 Analysestunden bei Freud hatten – was nicht verhinderte, dass er von Theodor Reik weiterbehandelt wurde und schließlich Selbstmord beging. May geht seinen vielfältigen Kontakten in der Künstler- und Literatenszene der Zeit nach, z. B. mit Oskar Kokoschka (der ihn porträtiert hat), Herwarth Walden oder Karl Kraus, und akzentuiert die Tatsache, dass wir hier Freud, wie vermittelt auch immer, in einer überraschenden Nähe zu jener Szene sehen. Durch Motivvergleiche mit eigenen Schriften Dirsztays macht sie wahrscheinlich, dass dessen Behandlung für Freuds (und Reiks) Theorie des Masochismus grundlegend war. Sie verweist damit auf eine der fruchtbarsten Perspektiven der Forschung über Freud-Patienten: dass es in bisher ungeahntem Umfang gelingen könnte, bestimmte theoretische Aufstellungen Freuds der klinischen Erfahrung mit bestimmten Patienten zuzuordnen.

Vera von Planta beschreibt das (Zusammen-)Leben des Zürcher Analytikerpaars Mira und Emil Oberholzer, die beide bei Freud auf der Couch lagen – er 1912, sie 1923. Die Briefe, die Emil O. während der Kur an Mira schickte, stellen eines der frühesten Dokumente über eine Analyse bei Freud von Patientenseite dar. Sie bezeugen ein Schwanken des Patienten zwischen Trotz und Euphorie, berühren aber auch praktische Fragen wie die Behandlungsdauer und die Bezahlung des Honorars. Sehr aufschlussreich ist ferner, wie sich diese frühen Anhänger Freuds seiner Methode – speziell durch wechselseitige Analyse – zur Beförderung ihrer persönlichen Beziehung bedienten. Arthur von Fischer-Colbrie, von dem Christine Walder mit vielen biographischen Details erzählt, war 20 Jahre alt, als er in einer Adoleszenzkrise zu Freud in Behandlung kam. In der zweijährigen Analysenpause, die durch seine Einberufung zum Militär erzwungen wurde, hielt Freud das Arbeitsbündnis mit ihm durch Briefe aufrecht. Er ließ sich bewegen, seinen Analysanden zu duzen, und bestärkte ihn in seinen Ambitionen als Dichter. Aus den nach-analytischen Briefen (alle vorhandenen Freud-Briefe an Fischer-Colbrie werden in einem Anhang des Aufsatzes ediert) ragt eine Äußerung über Rilke hervor. In den Zusammenhang des Themenschwerpunkts gehört auch eine Doppelrezension, in der Wolfgang von Ungern-Sternberg und Michael Schröter die Berichte der englisch-amerikanischen Lyrikerin Hilda Doolittle (H. D.) über ihre analytische Erfahrung mit Freud 1933/34 vorstellen. Seit H. D.s zeitgenössische Briefe aus Wien gedruckt vorliegen, ist ihre Behandlung vollends eine der, vom Patienten her, bestdokumentierten Analysen Freuds.

In einem neuen Stück aus seiner Serie von Bildbetrachtungen für LUZIFER-AMOR umkreist Michael Molnar ein Gruppenphoto, das Freud unter 60 Teilnehmern an der Sektion Psychiatrie und Neurologie der 66. Naturforscherversammlung im September 1894 in Wien zeigt. Molnar stellt einige der abgebildeten Personen vor (u. a. Kassowitz, Krafft-Ebing, Max Herz, Olga v. Leonowa), entfaltet Themen, die bei der Versammlung erörtert wurden (u. a. die Hypnose, das Verhältnis von Gehirnanatomie und Psychologie, die Eigenart wissenschaftlicher Beschreibungen), und setzt sie in Beziehung zu Freuds damaligem Leben und theoretischem Entwicklungsstand. Sein Blick auf die Anfänge der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte in der Naturphilosophie erfasst auch Georg Büchner. Peter Vogelsänger präsentiert und diskutiert Quellen aus dem Berliner Universitätsarchiv, die ein Licht auf die Berliner Zeit von Michael und Alice Bálint 1921–1924 werfen. Caroline Neubaur schließlich stellt ein neues Buch über Melanie Klein vor.

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