Heft 47 (24. Jg. 2011): Freude an der Psychoanalysegeschichte

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Editorial (S. 7–9)

Den Themenschwerpunkt dieses Hefts bildet eine Festgabe für Ludger M. Hermanns, den langjährigen Mit-Herausgeber von LUZIFER-AMOR, aus Anlass seines 60. Geburtstags. Die Idee dazu stammt von Regine Lockot, die auch die Beiträge gesammelt und in einem Privatdruck vereint hat, der dem Geehrten bei seiner Geburtstagsfeier im September 2010 überreicht wurde. Hier ein redigierter Auszug aus der Übergaberede von Michael Schröter:

"Lieber Ludger,
die Geschichte der Psychoanalyse nimmt im Spektrum Deiner Aktivitäten, quantitativ betrachtet, einen relativ schmalen Raum ein. Aber gewiss gibt  es keinen Bereich Deines Berufslebens, in dem Du eine ebenso tragende und unersetzliche Rolle spielst wie hier.

Du verdankst diese Rolle primär Deinen vielfältigen organisatorischen Leistungen, für die Du eine besondere Begabung hast. Zu ihnen gehört Deine Arbeit als Gründer und Leiter des Archivs für Geschichte der Psychoanalyse, auch Deine Funktion als Zeitschriftenherausgeber. Aber davon will ich heute nicht reden. Ich spreche als Vertreter einer "Institution", die in meinen Augen mehr als andere Deine Handschrift trägt: des Berliner Forums für Geschichte der Psychoanalyse.

Wir beide haben uns im Sommer 1985 beim Hamburger IPV-Kongress vor den Tafeln Eurer eindrucksvollen Ausstellung zur Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland kennengelernt. Es muss Deine Initiative gewesen sein, dass wir ins Gespräch kamen, denn Du bist ein leidenschaftlicher Netzwerker. Damals erzähltest Du mir von Deinem Plan, einen Kreis zu gründen, der alle Leute versammeln sollte, die in Berlin über Geschichte der Psychoanalyse forschen. Ein gutes Jahr später wurde der Plan verwirklicht. Von den acht Gründungsmitgliedern gehören heute noch fünf zu unserem Kreis: außer Dir und mir Stefan Goldmann, Regine Lockot und Hans Reicheneder.

Von Anfang an haben wir eigene, unveröffentlichte Arbeiten besprochen. Das heißt, wir bildeten füreinander eine kleine, private scientific community. Im Lauf der Zeit haben die Mitglieder des "Forums", wie wir uns bald nannten, etwa ein Dutzend Bücher und ungezählte Aufsätze produziert, deren Entstehung durch unsere Diskussionen mehr oder weniger beeinflusst und gefördert wurde. Ich bin mir bewusst, dass ich an meiner psychoanalysehistorischen Arbeit ohne diese Einbettung in eine konstante Gruppe schwerlich über so viele Jahre hätte festhalten können; dasselbe wird auch für andere gelten. Dass wir immer wieder Gäste hatten – seit einiger Zeit geschieht dies vermehrt, und es waren namhafte Leute darunter –, die teils einmalig ein Manuskript zur Diskussion stellten, teils über längere Strecken an unseren Sitzungen teilnahmen, bedeutete für alle von uns eine Festigung und Bereicherung der eigenen Forschungstätigkeit.

Wir treffen uns jetzt seit knapp 25 Jahren, in wechselnder Besetzung um einen festen Kern herum, haben mindestens eine schwere Krise bewältigt und bestehen immer noch. Bei einer Gruppe von ungefähr einem Dutzend produktiven und eigenwilligen Mitgliedern – kränkbaren Autoren, die sich einem ständigen Prozess gegenseitiger Kritik aussetzen –, ist das eine enorme Leistung. Wir mussten sie aus eigener Kraft erbringen, ohne die stützende Hilfe äußerer Vorteile oder Sanktionen. In unserer Anfangszeit gab es 2-3 ähnliche Gruppen in Deutschland, die sich der Geschichte der Psychoanalyse verschrieben hatten. Keine hat auch nur entfernt die Überlebenskraft und die Produktivität unseres Berliner Forums entwickelt. Es ist für mich keine Frage, dass Du, Ludger, mit Deiner Stetigkeit, Deiner souveränen Intelligenz und Sachkenntnis, Deinem wachen sozialen Realismus und vor allem mit Deiner ausgleichenden Gelassenheit das Wesentliche zu dieser Erfolgsgeschichte beigetragen hast.

Aus Dankbarkeit für Dein fruchtbares gruppenbildendes und -erhaltendes Engagement wollten wir Dir als Forum ein gemeinsames Geburtstagsgeschenk überreichen. Verschiedene Geschenkideen wurden erwogen. Am Ende einigten wir uns darauf, dass diejenigen von uns, die eine passende Idee haben, Dir einen Blumenstrauß aus eigenen Texten binden, ob Forschungsarbeit, Essay oder persönliche Erinnerung. Einige frühere Mitglieder haben sich dem Plan angeschlossen. Die Texte konnten nur kurz sein, weil das Vorhaben relativ spät aufkam und weil der verfügbare Raum in LUZIFER-AMOR, wo sie veröffentlicht werden sollen, beschränkt ist. Aber auch so demonstrieren sie die fortdauernde Produktivität, die wir Dir als dem guten Geist und integrativen Zentrum unseres Kreises verdanken."

Soviel zum Hintergrund dieser Festgabe. Da Regine Lockot an der Akquisition und Redaktion der Beiträge erheblichen Anteil hatte, zeichnet sie als Mit-Herausgeberin. Die Option, für einen Themenschwerpunkt von LUZIFER-AMOR kompetente Mit-Herausgeber zu gewinnen, wurde schon bei früheren Gelegenheiten erwogen, hat sich aber bisher nie realisieren lassen. Hier geschieht es zum ersten Mal.

Die einzelnen Texte werden in diesem Editorial ausnahmsweise nicht vorgestellt, da aus Platzgründen nicht mehr über sie gesagt werden könnte, als in der Überschrift steht. Es sei nur noch festgehalten, dass sich zwei aktuelle Mitglieder des Berliner Forums, Andrea Huppke und Franz Dirkopf, zwar mit dem Herzen, aber nicht mit der Tat an diesem Gruppengeschenk beteiligen konnten, weil sie zur gegebenen Zeit kein geeignetes Thema hatten. Mitchell Ash, Günter Gödde und Christfried Tögel haben sich als ehemalige Mitglieder unter die Gratulanten eingereiht. –

Der Forschungsaufsatz von Heike Bernhardt über Johann Jaroslaw Marcinowski, ein frühes Mitglied der Berliner Psychoanalytischen Vereinigung, fügt sich der Festgabe ideal an, da er nicht nur von einem Mitglied des Berliner Forums verfasst, sondern direkt von Ludger Hermanns angeregt wurde. Marcinowski, aus schlesischem Adel stammend, tritt als ein eigensinniger, unruhiger Geist hervor, der auch der Psychoanalyse nur etwa zwölf Jahre lang folgte. Gerade deshalb könnte er einen Typus von frühen Anhängern des Außenseiters Freud verkörpern. Zugleich unterschied er sich von fast all seinen Kollegen dadurch, dass er Psychoanalyse im Rahmen eines Privatsanatoriums anbot. Seine Überlegungen zur Technik, die er unter diesen Bedingungen anwandte, erscheinen von heute aus als sein interessantester Beitrag zur psychoanalytischen Tradition. Freuds Bemühungen um Marcinowski, vor allem in der Zeit des Konflikts mit Wilhelm Stekel, werden durch die Briefe dokumentiert, die dem Aufsatz, ediert von Gerhard Fichtner und Michael Schröter, angehängt sind.

Erstmals gibt es im vorliegenden Heft eine Rubrik "Kontroverse". Wolfgang Hegener fühlte sich durch den im letzten Heft erschienenen Aufsatz von Ulrike May über Abrahams Einführung des oralen Sadismus in die psychoanalytische Theorie und durch die These, dass sich Abraham damit in Gegensatz zu Freud gestellt habe, zu einer Entgegnung herausgefordert, in der er die Bedeutung des Oralsadismus vor allem in Freuds Werk ab 1920 betont.

Noch ein praktischer Hinweis: Der Preis von LUZIFER-AMOR, der seit 1998 stabil geblieben war, musste ab diesem Heft angehoben werden. Es sei dazu angemerkt, dass sich der durchschnittliche Textbestand der Hefte in den letzten Jahren gegenüber früher um ca. 10 Prozent erhöht hat, was die jetzige Preiserhöhung in etwa aufwiegt.

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