Heft 44 (22. Jg. 2009): Psychoanalyse in den Niederlanden

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Editorial (S.5-6)

Freud hat sich viel Mühe gegeben, eine kompakte Schule zu gründen und zu erhalten, eigenständig, mit einheitlichen Ausbildungsrichtlinien und einem gemeinsamen Fundus an Lehrüberzeugungen. Gleichwohl haben sich die Teilgruppen der IPV unterschiedlich entwickelt, so dass man in mancher Hinsicht eigentlich nicht von der Geschichte der Psychoanalyse sprechen kann, sondern von den Geschichten im Plural sprechen muss. Und ganz offenbar wird die konkrete psychoanalysehistorische Arbeit – abgesehen von der Pionierzeit, die irgendwie allen gehört – gewöhnlich auf nationaler, wenn nicht sogar lokaler Ebene betrieben: Die eigenen Ahnen sind naturgemäß am interessantesten. Es ist aber nützlich, über den Tellerrand hinauszuschauen und zu sehen, wie der Weg der Psychoanalyse in anderen Ländern war. Dadurch gewinnen auch Besonderheiten des eigenen Wegs ein schärferes Profil. Einen solchen Blick über die Grenzen bietet das vorliegende Heft: in die Niederlande. Das Kardinaldatum ist, dass die Rezeption Freud'schen Denkens hier wesentlich von einem psychiatrischen Lehrstuhl ausging und dass deshalb über Jahrzehnte eine Spannung zwischen der Orientierung an der Psychiatrie und an der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung bestand.

Von dieser Spannung handelt weithin der Beitrag von Harry Stroeken. Johan van Ophuijsen, dessen Lebensgeschichte Stroeken erstmals in einiger Breite erzählt, vertrat in seiner Heimat die internationale Ausrichtung und geriet so in Konflikte, die 1933 zur Spaltung der kleinen niederländischen IPV-Gruppe führten. Kernpunkte des Streits waren die spezifische psychoanalytische Ausbildung und die Ausübung der Analyse durch Laien. Im persönlichen Bereich erfahren wir u. a., dass van Ophuijsens zweite Frau, Ans van Mastrigt, schon vor ihrer Heirat eine vertraute Beziehung zu Freuds Familie hatte. Freud schrieb ihr in einer Ehekrise einen Brief, der viel von seinem Eheverständnis verrät. Der Psychologe Johan Varendonck, bekannt durch sein von Anna Freud übersetztes Buch über das "vorbewusste phantasierende Denken", dessen Leben und Werk Susann Heenen-Wolff darstellt, wurde wegen seiner akademischen Meriten von Freud begünstigt, praktizierte auch Psychoanalyse, konnte aber in der niederländischen Vereinigung, der er beitrat, als Laie nur außerordentliches Mitglied werden. Einen ungewohnten Längsschnitt legt Elsbeth Greven, indem sie die Abfolge der wichtigsten niederländischen Freud-Ausgaben von 1912 bis heute untersucht. Anhand der verschiedenen Verlage und ihrer professionellen Netzwerke zeigt sie vier Phasen der Freud-Rezeption auf: 1. Bekanntmachung in einem medizinisch-seriösen Rahmen, 2. Popularisierung, 3. Kanonisierung und 4. Historisierung. Der jüngsten Phase ist eine Gesamtausgabe der Werke Freuds zu verdanken, die jedem internationalen Vergleich standhält.

Die Reihe der thematisch freien Texte wird eröffnet durch einen Essay von Herbert Will über Grundfragen der Psychoanalysegeschichte. Will überträgt Nietzsches Kategorien einer "monumentalischen", "antiquarischen" und "kritischen" Art der Geschichtsbetrachtung auf unser Feld und diskutiert jeweils an Beispielen deren Vor- und Nachteile. Die "kritische" Betrachtung – "eine vergleichende und unterscheidende Historie, die Linien zieht, diskriminiert und Ordnung schafft" – sei in Bezug auf die Psychoanalyse noch unterentwickelt. Sie erfordere Mut zur Deutung und könne dann zur nötigen Selbstreflexion der Analytiker beitragen.

Mit dem Korrespondenzblatt der IPV befasst sich Michael Giefer. Er hebt markante Etappen in dessen Geschichte hervor und betont, dass das Blatt nicht nur der Information und der Förderung des Zusammenhalts der Freud-Schule, sondern auch der vereinspolitischen Steuerung diente, was sich nicht zuletzt bei einem Vergleich zwischen der deutschen und der ab 1920 veröffentlichten englischen Version erweist. Claudia Frank rekonstruiert anhand einer Fülle von Archivmaterial die Entstehung des frühen Hauptwerks von Melanie Klein Die Psychoanalyse des Kindes. Ihre Untersuchung ist bemerkenswert, sofern darin die innere und die äußere Geschichte beleuchtet wird. Die innere durch einen Vergleich des Buchs mit den Manuskripten der Londoner Vortragskurse, die ihm zugrunde lagen; hier zeigt sich, dass das spät rezipierte Todestriebkonzept Klein eine bessere Organisation ihrer Befunde ermöglichte. In der äußeren Geschichte musste sie, als Gegnerin von Anna Freud, mit einem Widerstand der "pro Anna" eingestellten Leiter des psychoanalytischen Verlags kämpfen, aber auch mit dessen hochbedrohlicher ökonomischer Situation. Eine lebendige Momentaufnahme aus der Geschichte der Psychoanalyse in der Schweiz legt Kaspar Weber vor. Er beschreibt die psychiatrisch-psychoanalytische Szene in Bern um 1940 mit ihren Protagonisten, die er alle persönlich kannte und deren Verhältnis zur Psychoanalyse von eindeutiger Ablehnung über diverse Grade der Skepsis bis zur klaren Gefolgschaft des Freud-Analysanden Ernst Blum reichte.

Nach drei kleinen Mitteilungen und der Gruppe der Rezensionen wird das Heft wie in jedem Herbst mit einer thematisch geordneten Liste von jüngsten Arbeiten zur Psychoanalysegeschichte in deutsch- und englischsprachigen Zeitschriften abgeschlossen.

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