Heft 55 (28. Jg. 2015): Max und Mirra Eitingon

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Editorial (S. 5–6)

Am 3.–4. April 2014 fand an der Princeton University eine Tagung statt mit dem Titel "The Eitingons, Revisited".[1] Wie der Plural schon andeutet, ging es dabei um den Psychoanalytiker Max und um Leonid (Naum) Eitingon, den Organisator der Ermordung Trotzkis. Die beiden waren nicht nur Namens-, sondern wahrscheinlich auch leibliche Vettern in irgendeinem entfernteren Grad. Dieses Faktum, verbunden mit der in rezenten Arbeiten wiederholten, aber nach wie vor bodenlosen Spekulation, Max Eitingon habe selbst dem sowjetischen Geheimdienst zugearbeitet, gab dem Thema offenbar genügend Aktualität und Würze. In Princeton freilich bestätigte sich, dass der Namensplural zwei Geschichten zusammenkoppelte, die in der Substanz nichts miteinander zu tun haben. Sei's drum: Drei Referenten aus Israel hatten wirklich Neues über Max Eitingon – und seine Frau Mirra – zu erzählen. Im Themenschwerpunkt dieses Hefts werden ihre Beiträge mit neuen Arbeiten aus Deutschland vereint. So hat sich die Absicht des Veranstalters der Tagung, Rubén Gallo, Forscherkollegen in fruchtbaren Kontakt miteinander zu bringen, im kleineren Maßstab doch erfüllt, was hier dankbar zu vermerken ist.

Sehr erhellend sind die Befunde über Mirra Eitingon, die Isabella Ginor und Gideon Remez vorlegen – zumal für Leser, die wissen, wie wenig über Mirra noch vor 10–15 Jahren bekannt war. Wo damals Leere herrschte, entfaltet sich jetzt ein reiches Leben mit tragischen Aspekten: zwei frühere Ehen, eine steile Schauspielerkarriere, die abbrach, Depressionen, ein Sohn verstorben, ein zweiter für die Mutter so gut wie verschollen, weil er als führender sowjetischer Kernphysiker der Geheimhaltung unterlag. Und eine große Liebe zwischen ihr und Max, die dessen angeblichen Hang zur "Polygamie" ins Reich der Legende verweist. – Die Verführungskraft, die er gleichwohl für Frauen hatte, als hilfreicher und verständnisvoller Freund, wird durch seine Beziehung zu Lou Andreas-Salomé bezeugt, die Inge Weber anhand der (partiell) erhaltenen Korrespondenz nachzeichnet. Eitingon unterstützte ihre ersten Schritte in die analytische Praxis; später schickte er ihr Patienten u. a. m. Mit seiner Frau, die in diese Freundschaft einbezogen war, verband Lou Andreas-Salomé der gemeinsame russische Seelengrund.

In der Psychoanalysegeschichte hat sich Eitingon vor allem als Gründer, Leiter und Finanzier der Berliner Poliklinik einen Namen gemacht. Diese Tätigkeit wird von Michael Schröter in vielen neuen Details beleuchtet. Es zeigt sich, was bisher unbekannt war, dass Eitingon seine Zuschüsse ab 1928 reduzierte und 1931 gänzlich einstellte. Diesseits der Ausbildung und Forschung, die an der Poliklinik bzw. dem aus ihr hervorgegangenen Berliner Institut betrieben wurden, lag ihm die therapeutische Aufgabe des Instituts besonders am Herzen. – Eitingons Wirken in Palästina stellt Guido Liebermann dar. Er beschreibt, wie sich der aus Deutschland Vertriebene durch vielerlei Spenden mit dem jüdischen Establishment im Land vernetzte, auch im kulturellen Bereich, und wie er sich mit Kommunisten in einer Art Volksfront gegen Hitler verbündete. Zugleich unterstreicht Liebermann, dass Mosche Wulff als wirkmächtiger Protagonist der Psychoanalyse in Palästina neben Eitingon nicht übersehen werden darf. Dies ist auch eine Hauptthese in seinen zwei Monographien, die Thomas Aichhorn für das vorliegende Heft besprochen hat.

Eine Fußnote zum Schwerpunktthema bilden die sorgsamen Recherchen von Anastasia Antipova über den Verfasser eines russischen Lexikon-Artikels über Freud, für den Eitingon das Material geliefert hatte.

In der Rubrik der freien Forschungsbeiträge untersucht Claudia Frank die Aufnahme von Freuds Todestriebhypothese im deutschen Sprachraum. Diese sei zunächst mit anerkennendem Interesse aufgegriffen, nach 1945 aber, in einer Verfälschung der wirklichen Rezeptionsgeschichte, als generell überholt und verworfen hingestellt worden. Man habe sich, so Franks Deutung, "nach dem Grauen der massenhaften Vernichtung" von dem Thema "quasi nur via Reaktionsbildung" abwenden können. – Die Spuren von Freud in Kärnten, denen Herwig Oberlerchner und Christfried Tögel nachgehen, führen an Ferienorte, aber auch zu zwei illustren Patienten, einem Direktor der späteren AEG und dem Komponisten Alban Berg.

In einer "Kleinen Mitteilung" bespricht Michael Rutschky einen Roman, in dem der Berliner Analytiker Gerhard Maetze vorkommt, und erzählt aus der persönlichen Erinnerung von Maetzes post-graduate Arbeitskreis in den 1970er Jahren. – Am Ende des Rezensionsteils wird eine neue Rubrik eingeführt mit Hinweisen auf Neuerscheinungen, die für unser Feld einschlägig sind, aber nicht rezensiert werden.

Die Liste mit Arbeiten zur Psychoanalysegeschichte in deutschsprachigen Zeitschriften, die Roman Krivanek für das Jahr 2013 erarbeitet hat, wird auf der Website von LUZIFER-AMOR veröffentlicht, gehört aber ebenfalls in den redaktionellen Rahmen des vorliegenden Hefts.

Michael Schröter


[1] Die Tagung war angesiedelt im Program in Latin American Studies. Für das Themenfeld "Max Eitingon" nahmen teil: Veronica Fuechtner (über Skype), Isabella Ginor, Guido Liebermann, Gideon Remez, Michael Schröter. Weitere Teilnehmer waren: Luciana Castellina, Stephen Schwartz, Christfried Tögel und Mary-Kay Wilmers.

 

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