Heft 55 (28. Jg. 2015): Max und Mirra Eitingon

« Zurück

Claudia Frank
Eine "deutliche Reaktionsbildung gegen Todestriebhypothesen" (Brun 1953): Ein Strang der Rezeptionsgeschichte von Freuds Todestriebkonzept im deutschen Sprachraum (S. 136–157)

Zusammenfassung:
Wenn man die Todestriebhypothese als mögliches Konzept für autodestruktive klinische Phänomene versteht, dann kann man festhalten, dass vor dem Zweiten Weltkrieg eine Reihe von Analytikern ganz selbstverständlich klinisch darauf zurückgriff, neben anderen, die Einwände dagegen erhoben. Nach der Zäsur durch das Nazi-Regime stellte sich die Geschichte plötzlich anders dar. Bruns Formulierung von einer "deutlichen Reaktionsbildung gegen Todestriebhypothesen" (1953) erscheint als unwillkürlich zutreffende Diagnose für einen Strang der Rezeptionsgeschichte von Freuds Todestriebkonzept für die Zeit vor, aber vor allem für die ersten Jahrzente nach 1945. Das über Jahrzehnte unkritische Übernehmen von Bruns "kritischer", in Wahrheit tendenziöser Untersuchung, wonach die Todestriebhypothese auf der ganzen Linie abzulehnen sei und abgelehnt werde, wird als Symptom verstanden. Dadurch wurde in nuce das In-Frage-Stehende gegenüber den Kollegen, die das Konzept klinisch zwischenzeitlich weiterentwickelten, agiert. Wie am Beispiel weniger Protagonisten aus der Nachkriegszeit aufgezeigt wird, gab es anfänglich durchaus ein waches, anerkennendes Interesse, das aber von einer (relativ) raschen Distanzierung abgelöst wurde.

Summary: A "clear reaction formation against death drive hypotheses" (Brun 1953): On one strand of the reception of Freud's death drive concept in German-speaking countries.
If the death drive hypothesis is understood as a possible concept for self-destructive clinical phenomena, one can state that before World War II a number of analysts took it up quite naturally, while others raised objections. After the break caused by the Nazi regime the situation suddenly changed. Brun's formulation, quoted in the title of this paper, was a non-intended, but accurate diagnosis of a certain strand in the history of the reception of Freud's death drive concept in the time before, but even more so in the first decades after, 1945. The author takes it as a symptom that for decades there was an uncritical acceptance of Brun's "critical", though in fact biased, study which claimed that the death drive hypothesis was and continued to be refuted in every respect. Taking the example of a few protagonists of the postwar period, she sees hints of an initial lively and positive interest which was then followed by a (relatively) quick distancing.

Backlink