Heft 64 (32. Jg. 2019): Ein Wiederbeginn nach Holocaust, Krieg und Freuds Tod: Der Internationale Psychoanalytische Kongress in Zürich 1949

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Editorial (S. 5–6)
 

Die psychoanalytische Welt versammelte sich am 15. August 1949 in Zürich zum ersten internationalen Kongress nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie war elf Jahre zuvor, 1938 in Paris, von außen bedroht und innerlich zerstritten auseinandergegangen. Dazwischen lagen der Krieg, der Holocaust, die Vertreibung jüdischer PsychoanalytikerInnen durch das NS-Regime und nicht zuletzt Freuds Tod. Außerdem war das Ableben von 78 Mitgliedern der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung zu beklagen – darunter so bedeutende Figuren wie Ernst Simmel, Abraham Arden Brill, Max Eitingon und Otto Fenichel. Zum Gedenken an die 70. Wiederkehr dieses Zusammentreffens veranstalteten das Archiv zur Geschichte der Psychoanalyse, LUZIFER-AMOR, das Freud-Institut Zürich und das Psychoanalytische Seminar Zürich am 11. Mai 2019 im Zürcher Burghölzli ein Symposion. Die acht (überarbeiteten) Vorträge dieser Tagung bilden den Schwerpunkt des vorliegenden Hefts.

Zu Beginn beleuchtet Thomas Kurz die Krise der IPV in Paris 1938, als die Amerikaner die Europäer mit einer »Unabhängigkeitserklärung« konfrontiert hatten. Er schildert die Entstehungsgeschichte des Zürcher Kongresses sowie den damaligen Zustand der Schweizer Vereinigung, von der die Initiative zu der Zusammenkunft ausgegangen war, und konstatiert, dass 1949 sowohl in Bezug auf die Theorie als auch auf das Personal ein neues Zeitalter der Psychoanalyse, das Zeitalter post Freud begann. Nina Bakman gibt anhand des unveröffentlichten Briefwechsels zwischen Gustav Bally und Alexander Mitscherlich Einblick in die traumatisierte innere Befindlichkeit von Psychoanalytikern in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, während Susanne Kitlitschko den innerdeutschen Konflikt zwischen Carl Müller-Braunschweig und Harald Schultz-Hencke rekonstruiert, die »Querelles allemandes«, die sie auf ein Weiterwirken der in der Nazi-Zeit etablierten Kräfteverhältnisse zurückführt.

Die damaligen Kongress-Organisatoren waren explizit bestrebt, zur psychoanalytischen Normalität zurückzukehren – Krieg, Holocaust und Freuds Tod waren (mit Oskar Pfisters Referat als Ausnahme) kein Thema. »We prefer papers with clinical or therapeutic subjects«, hieß es im Call for Papers. Aber auch die beim Kongress vorgestellten Arbeiten markieren einen Wendepunkt der Psychoanalysegeschichte, mit Beiträgen von großem Impact auf die weitere Entwicklung von Theorie und Praxis. Zu nennen sind Michael Balints Kunststück, das Erbe Ferenczis, fast ohne ihn zu nennen, in der IPV zu erhalten und weiterzuführen, mit dem sich Judith Dupont befasst. Von nachhaltiger Wirkung waren ferner die von Beate Koch diskutierten Vorträge der Klein-Fraktion: der Beitrag von Melanie Klein selbst, die sich damit auch auf internationaler Ebene definitiv auf dem Territorium der Erwachsenenanalyse positionierte, das Referat von Herbert Rosenfeld, der die kleinianischen Konzepte auf die Behandlung von Psychosen anwandte, und – 1949 noch im Rahmen der Klein-Gruppe – Paula Heimanns bahnbrechender Text über die Gegenübertragung, der das Phänomen als zentrales Element des psychoanalytischen Prozesses diskursfähig machte. Jacques Lacan erörterte, wie Claus-Dieter Rath darstellt, zum zweiten Mal im IPVRahmen das »Spiegelstadium«, nachdem er 1936 in Marienbad zum selben Thema nach zehn Minuten von Jones unterbrochen worden sein soll. Dieter Bürgin beschäftigt sich mit der Frage, ob die 1949 präsentierten Forschungsresultate von Willi Hoffer und René Spitz überholt sind – und kommt zu überraschenden Schlussfolgerungen. Josef Schiess schließlich nimmt die Beiträge der Schweizer Psychoanalytiker unter die Lupe, die Anna Freud in ihrem Kongressbericht unter »Applied Psychoanalysis« subsumierte.

Eine Arbeit zum Themenschwerpunkt dieses Hefts, die seit 1994 im Redaktionsarchiv von LUZIFER-AMOR geruht hat, wird als online-Publikation präsentiert. Hans Günter Arnds vergleicht darin die Zürcher Auftritte von Schultz-Hencke und Müller-Braunschweig mit einer klassischen Kontroverse auf dem Soziologentag von 1928.

In der Rubrik »Aus der Forschung« gibt Marita Keilson-Lauritz eine anschaulich-pointierte Schilderung ihres Lebens an der Seite des holländischen Psychoanalytikers Hans Keilson. Unter den »Kleinen Mitteilungen « stellt Michael Molnar den 2018 erschienenen vierten Band von Freuds Brautbriefen vor. Steffen Theilemann weist die unlängst von Wolfgang Bock erhobene Behauptung, dass Harald Schultz-Hencke ein Vordenker des Nationalsozialismus gewesen sei, zurück. Wietske van der Wielen liefert ein neues Puzzlesteinchen zur Biographie des Berliner Nervenarztes und DPGMitglieds Max Levy-Suhl. Über eine Tagung des Archivvereins in London und über das diesjährige Symposion zur Geschichte der Psychoanalyse in Berlin berichten Marina D’Angelo und Andrea Huppke. Rezensionen und Buchanzeigen folgen wie gewohnt. Online ist wieder eine Liste unserer Fachliteratur in deutschsprachigen Zeitschriften aus dem Jahr 2018 durch Arkadi Blatow beigegeben. Wir begrüßen Lothar Müller, den Berliner Literaturwissenschaftler und Feuilletonredakteur als neues Mitglied unseres Wissenschaftlichen Beirates.

Thomas Kurz und Ludger M. Hermanns

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