Heft 33 (2004 = Jg. 17): Familie Freud

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Editorial (S. 5–7)

Mit dem vorliegenden Heft wechselt die Herausgeberschaft von LUZIFER-AMOR. Die bisherigen Herausgeber, Gerd Kimmerle und Ludger M. Hermanns, ersterer zugleich Gründer und Verleger der Zeitschrift, sind nach sieben Jahren fruchtbarer Tätigkeit zurückgetreten. Sie werden der Zeitschrift in anderer Funktion verbunden bleiben.

Dieser Neubeginn innerhalb der Kontinuität von LUZIFER-AMOR soll zur Einführung einiger Änderungen genutzt werden. Die wichtigste ist, daß die bisherige exklusive Themenbindung preisgegeben wird. Sie erhöhte zwar die Geschlossenheit der Hefte, hatte aber auch zur Folge, daß viele Manuskripte, die nicht in die Planungen der Redaktion paßten, abgewiesen werden mußten (wenn nicht die Autoren gleich auf das Einreichen verzichteten). Die Zeitschrift gefährdete so ihre natürliche Rolle als Organ der deutschsprachigen psychoanalysehistorischen Forschung. Um dem entgegenzuwirken, werden in Zukunft zwar weiter Themenschwerpunkte gebildet, aber darüber hinaus, in einer Rubrik Aus der Forschung, attraktive Aufsätze aus dem ganzen Spektrum der Psychoanalysegeschichte vorgelegt.

Von nun an sind Autoren eingeladen, ohne Rücksicht auf die Schwerpunktplanung der Redaktion Texte einzuschicken. LUZIFER-AMOR setzt voraus, daß diese Texte nicht immer Normalumfang haben. Speziell die Form der Kleinen Mitteilung, wo einzelne Funde oder Beobachtungen vorgestellt werden, die interessant sind, ohne sich in den Zusammenhang eines regelrechten Aufsatzes zu fügen, soll gepflegt werden. Solche Mitteilungen werden mit aktuellen Diskussionsbeiträgen etc. in einer eigenen Abteilung zusammengefaßt. Quellennähe war im Konzept der Zeitschrift immer ein hoher Wert und soll es bleiben; entsprechend wird die Rubrik Quellentexte fortgeführt. Dem internationalen Charakter des psychoanalysehistorischen Feldes wird dadurch Rechnung getragen, daß bisweilen auch Übersetzungen von hervorragenden Arbeiten, die in anderen Sprachen erschienen sind, gebracht werden.

Der Rezensionsteil von LUZIFER-AMOR wird ausgebaut und umgestaltet. Es besteht die Absicht, einen möglichst großen Teil der einschlägigen deutschsprachigen Buchproduktion möglichst rasch zu erfassen. Zu diesem Zweck werden die Rezensenten in der Regel auf kurze, informative Texte verpflichtet; manche Titel werden durch bloße Anzeigen der Redaktion gewürdigt. Vielleicht können eines Tages auch fremdsprachige Neuerscheinungen berücksichtigt werden. Ob das gelingt und wieweit die Rubrik Rezensionen und Anzeigen überhaupt in Gang kommt, hängt vor allem davon ab, ob sich für diese Aufgabe ein Stab von qualifizierten Autoren findet.

Ein Beirat, dem auch die letzten Herausgeber angehören, wird die Zeitschrift unterstützen und in der Forschungsszene verankern. Neu ist ferner die Einrichtung einer Schriftenreihe von LUZIFER-AMOR: Quellen und Abhandlungen zur Geschichte der Psychoanalyse, deren erster Band, die Korrespondenz zwischen Freud und Max Eitingon, gleichzeitig mit diesem Heft erscheint. Alle genannten Änderungen sollen LUZIFER-AMOR in die Lage versetzen, die psychoanalysehistorische Arbeit im deutschen Sprachraum so umfassend und aktuell, wie es irgend geht, zu repräsentieren.

Das vorliegende Heft ermöglicht ein erstes Urteil, wieweit das Programm Wirklichkeit wird. Im Themenschwerpunkt "Familie Freud" – dessen Zustandekommen weithin Christfried Tögel zu danken ist – behandelt der erste Aufsatz die bisher dunkle Episode, wie sich Freuds Vater, bevor er 1859 nach Wien zog, mit Frau und Kindern in Leipzig anzusiedeln versuchte. Drei sich ergänzende Beiträge, hauptsächlich von Tögel und von Barbara Murken, kreisen um Freuds Berliner Schwester Maria und ihre Familie; in einem von ihnen werden Freuds Briefe an diese Verwandten ediert. Besondere Aufmerksamkeit gilt zwei Töchtern von Maria Freud, Tom Seidmann-Freud, die in den 20er Jahren eine berühmte Kinderbuch-Künstlerin war, und Lilly Freud-Marlé, die eine Karriere als Rezitatorin machte und eine bisher unbekannte Biographie ihres Onkels schrieb (aus der in einem späteren Heft von LUZIFER-AMOR einige Auszüge gebracht werden sollen). Die Zonen des Familiären, Persönlichen, in denen sich diese Texte bewegen, wurden zu Lebzeiten von Anna Freud vor fremden Augen geschützt und erlauben deshalb heute im vielerforschten Gebiet der Freud-Biographik am ehesten noch Neuentdeckungen. Ein exquisit persönliches Quellengenre sind auch Photographien, von denen das Londoner Freud Museum einen großen Bestand aufbewahrt. Michael Molnar, der derzeitige Direktor des Museums, stellt ein erstes Beispiel vor und knüpft daran nicht nur biographische Aufklärungen, sondern auch einige nachdenkliche Betrachtungen.

In der Abteilung "Aus der Forschung" wirft Mai Wegener ein neues Licht auf Freuds hermetischen "Entwurf einer Psychologie" von 1895, wobei sie hervorhebt, das das dort verwendete Neuronenmodell paradoxerweise eine fehlende physiologische Positivität bezeichne. Die Studie von Matthias Bormuth zeichnet die merkwürdige Beziehung zwischen einem der strengsten Denker des 20. Jahrhunderts, Max Weber, und dem anarchistischsten Freud-Schüler, Otto Gross, nach. – Im Rezensionsteil findet sich eine "Thematisch geordnete Liste von Arbeiten zur Psychoanalysegeschichte in deutsch-, englisch- und französischsprachigen Zeitschriften", die Michael Giefer, Ulrike May und Jocelyne Sfez für das Jahr 2002 erarbeitet haben und die als regelmäßiger Service fortgesetzt werden soll. – Soviel zu diesem Heft. Mehr Informationen bieten die Abstracts, die ab jetzt durchweg alle Aufsätze begleiten.

Die Zukunft von LUZIFER-AMOR wird davon abhängen, ob die Zeitschrift genug Resonanz beim Publikum findet und ob die deutschsprachigen Autoren im kleinen Feld der Psychoanalysegeschichte sie mehr noch als bisher zu ihrem Organ machen. Herausgeber und Verlag sind jederzeit dankbar für Anregungen, Vorschläge und Kritik, die dazu beitragen können, dieses Ziel zu erreichen.

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