Heft 66 (33. Jg. 2020): Wolfgang Loch

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Editorial (S. 6–7)

Wolfgang Loch (1915–1995), dem der Themenschwerpunkt dieses Hefts gewidmet ist, war in der Bundesrepublik Deutschland von den 1960ern bis in die 1990er Jahre einer der bedeutendsten Theoretiker der Psychoanalyse. Er hatte den ersten deutschen Universitätslehrstuhl für Psychoanalyse inne und zog internationale Koryphäen des Fachs nach Tübingen und Stuttgart, um das anfänglich bescheidene klinisch-theoretische Niveau vor Ort anzuheben. Nachdem aus unbekannten Gründen seine gewünschte Zweitlehranalyse bei Herbert Rosenfeld in London nicht verwirklicht werden konnte, war ihm seine Zusammenarbeit mit Michael Balint in den 1960er Jahren ein Herzensanliegen und eine Quelle vielfältiger Anregungen, wovon der von Jutta Gutwinski-Jeggle vorgestellte Briefwechsel der beiden ein plastisches Zeugnis ablegt. Insbesondere wirft der Briefwechsel auch ein Licht auf Lochs komplizierte Ablösung von Alexander Mitscherlich in Frankfurt.

Wie Balints Anregungen in der Technik der »Deutungs-Optionen« weiterwirkten, die Loch bei den Achalm-Seminaren praktizierte, stellen Jonathan Sklar, Claudia Thußbas und Peter Wegener in einem klinischen Beitrag dar. Insbesondere können sie deren Weiterentwicklung zur Methode der sogenannten »Freien Klinischen Gruppen« bei den Tagungen der Europäischen Psychoanalytischen Föderation mit einigem Stolz schildern, da sie selbst entscheidende Protagonisten in dieser erfolgreichen Rezeptionsgeschichte waren. Lochs enger Mitarbeiter Friedrich-Wilhelm Eickhoff, der andernorts schon ausführlich auf dessen Konstruktivismus eingegangen ist, nimmt hier in einer Marginalie das Konzept von Cesar und Sara Botella über »seelische Zustände ohne Repräsentanz« zum Anlass, auf Lochs Vorläufergedanken mit seinem Konzept der »Abstinenz zweiten Grades« hinzuweisen.

Aus dem Kreis von Lochs Schülern und fachlichen Freunden ist die Stiftung der »Wolfgang-Loch-Vorlesungen« hervorgegangen, die man früher vielleicht als die Loch‘sche Schule bezeichnet hätte. Einer der heutigen Stiftungsvorstände ist Johannes Döser, der es schafft, in einem Parforce-Ritt durch die bisherigen 20 Loch-Gedenk-Vorlesungen und drei Loch-Preise mit deren inhaltlicher Explikation und Exegese etwas vom Geiste Wolfgang Lochs lebendig werden zu lassen, ja, geradezu darin den latenten roten Faden seines Werks herauszuarbeiten.

Aus der breiteren Forschung bereichern drei gewichtige Texte dieses Heft. Albrecht Hirschmüller kann als Mitherausgeber von Freuds Verlobungsbriefwechsel mit Martha Bernays dessen Zusammenarbeit mit Charcot kenntnisreich kommentieren und Stracheys Charakterisierung einerseits bestätigen, andererseits einschränken. Philippe van Haute und Herman Westerink demonstrieren Freuds weitere Verwendung der Verführungstheorie nach 1897 anhand seiner großen Fallstudien und weisen ihre Beziehung zu den Aspekten der Konstitution und Disposition auf. Georg Augusta zeigt, wie an der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie und Neurologie in den 1920ern bis in die Mitte der 1930er Jahre eine spezifische Verbindung von akademischer Psychiatrie und Psychoanalyse zustande kam, in deren Rahmen u. a. die Analytiker Paul Schilder, Heinz Hartmann, Erwin Stengel und Richard Sterba akademische Karrieren aufbauen konnten.

In der Rubrik der Kleinen Mitteilungen werfen Isabella Ginor und Gideon Remez als Nebenfrucht ihrer Eitingon-Forschungen ein Licht auf eine nahezu unbekannte russische Analytikerin der Anfangsjahre, Sara Neiditsch, und dokumentieren ihr Weiterleben in Frankreich. Die ausführliche Fassung ihrer minutiösen Studie wird in englischer Sprache auf der Webseite von LUZIFER-AMOR veröffentlicht. In einem Buch-Essay stellt Sabine Meier Zur die Forschungen des russischen Autors Leonid R. Kadis über eine andere frühe russische Psychoanalytikerin, Tatjana Rosental, vor. Michael Schröter gibt Bemerkungen zu einer (wiederum online publizierten) Tabelle, in der aufgrund frischer Entdeckungen im Eitingon-Nachlass 129 Ausbildungskandidaten am Berliner Psychoanalytischen Institut im Zeitraum von 1924?1932 verzeichnet sind. Christiane Ludwig-Körner setzt ihre Forschungen zum Beitrag von Frauen in Psychoanalyse, Psychagogik und Kinderanalyse mit einer Erinnerung an Ruth Bang fort, die im Nachkriegswestdeutschland die psychoanalytische Sozialarbeit und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie vorangebracht hat. In einer Notiz anlässlich von Jahrestagen verknüpft Christfried Tögel zwei psychotherapeutisch- psychoanalytische Protagonisten aus Ost und West, Harro Wendt und Werner Schwidder, an einer biographischen Schnittstelle in den 1940er Jahren. Andrea Huppke berichtet letztmals vom diesjährigen Symposion zur Geschichte der Psychoanalyse in Berlin, das gerade noch vor dem vollen Ausbruch der Corona-Krise stattfinden konnte.

Buchbesprechungen, Literaturanzeigen und Autorenhinweise beschließen das Heft. Zur nützlichen Routine geworden ist die jeden Herbst online beigegebene Liste von Fachbeiträgen zu unserem Gebiet in deutschsprachigen Zeitschriften, die für 2019 dankenswerterweise wieder Arkadi Blatow zusammengestellt hat.

Ludger M. Hermanns

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