Heft 34 (17. Jg. 2004): Psychoanalyse für Pädagogen

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Editorial (S. 5–6)


Die psychoanalytische Therapie war für Freud nur eines von mehreren Anwendungsgebieten der "neuen Psychologie", die er geschaffen hatte. Nach dem Ersten Weltkrieg jedoch stellte er fest, daß das große Projekt einer Ausstrahlung seines Werks auf alle möglichen Geistes- und Sozialwissenschaften, für das er mit der Imago sogar eine eigene Zeitschrift gegründet hatte, nicht recht in die Gänge kam. "Tatsächlich", schrieb er im November 1926 an Oskar Pfister, "gedeiht von allen Anwendungen der Analyse nur die eine, die Sie inauguriert haben, die auf die Pädagogik."

Daß Freud seine Auffassung von der das Ärztliche übersteigenden Bedeutung seines Werks in der Debatte um die "Laienanalyse" durchzusetzen versuchte, ist bekannt. Bisher kaum erforscht war hingegen, daß es in den 20er und 30er Jahren – vor allem in Gruppen, die Freud direkt beeinflussen konnte, d. h. in Wien und Berlin – energische Versuche gab, die psychoanalytische Ausbildung von Pädagogen als einen eigenen Ausbildungsstrang, neben dem für Ärzte, zu etablieren. Diese Lücke unseres Wissens wird durch die Beiträge zum Themenschwerpunkt des vorliegenden Heftes gefüllt.

Thomas Aichhorn beschreibt, wie sich das Lehrinstitut der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung von Anbeginn dadurch auszeichnete, daß es Pädagogen anzog und unterrichtete, und wie diese Tradition 1933/34, nach mancherlei Wiederständen, zu einem förmlichen Lehrgang für Pädagogen führte. Ruth Kloocke und Elke Mühlleitner untersuchen anhand einer Serie von Sitzungsprotokolle der Pädagogischen Arbeitsgemeinschaft am Berliner Psychoanalytischen Institut die Dynamik zwischen Analytikern und Pädagogen in dieser Gruppe und stellen deren namentlich bekannte Mitglieder vor. Die Gruppe wurde von Siegfried Bernfeld geleitet, der den betreffenden Wiener Impuls nach Berlin übertrug. Aber wie Freud gegenüber Pfister bemerkte, lagen die Anfänge der ganzen Arbeitsrichtung in der Schweiz. Daher bieten die durch persönliche Erinnerungen bereicherten Anmerkungen von Vera Planta über Hans Zulliger und die Schweizer Kindertherapieszene der 50er Jahre eine wichtige Ergänzung, die das Schwerpunktthema dieses Heftes abrundet.

In der Abteilung der freien Forschungsbeiträge arbeitet Esther Fischer-Homberger auf breitem medizinhistorischen Hintergrund und nicht ohne kritische Spitze heraus, wie sehr Freud in den Zusammenhang der invasiven Medizin seiner Zeit, die in Wien eine Hochburg hatte, gehört. Ernst Falzeder verfolgt die Beziehung zwischen Freud und Eugen Bleuler anhand der zugänglichen Teile ihres Briefwechsels und betont, daß mit dem Bruch zwischen ihnen bis auf weiteres die Trennung der Psychoanalyse von der akademischen Welt besiegelt war. In einer genauen Analyse stellt Ulrike May heraus, daß das Begriffspaar "Selbst-" und "Objektrepräsentanz" auf die theoretische Arbeit am Berliner Psychoanalytischen Institut, vertreten durch Sándor Radó³, Otto Fenichel und später Edith Jacobson, zurückgeht. Michael Molnar bringt ein Altersphoto von Freuds Bruder Emanuel und dessen Tochter Bertha durch biographische Details zum Sprechen und zeigt zugleich, wie das Photo heutigen Betrachtern unweigerlich fern bleibt. Wie dieser Beitrag, so greifen auch die Auszüge aus der bisher unveröffentlichten Freud-Biographie von Lilly Freud-Marlé nochmals den Themenschwerpunkt "Familie Freud" des letzten Heftes von LUZIFER-AMOR auf.

Zwischen LUZIFER-AMOR und dem jährlichen Symposion zur Geschichte der Psychoanalyse in Tübingen, das sich zur zentralen Veranstaltung der deutschsprachigen Psychoanalysehistoriker entwickelt hat, besteht traditionell eine enge Verbindung. Deshalb wird die Zeitschrift auch weiterhin, entgegen ihrem sonstigen Verzicht auf Tagungsberichte, über das Symposion berichten. Manfred Klemann nimmt diese Aufgabe wie früher wahr, hat sich aber auf Bitten der Redaktion auf ein knapperes Format umgestellt. Die Liste von neu erschienenen Zeitschriftenaufsätzen zur Geschichte der Psychoanalyse von Michael Giefer, Ulrike May und Jocelyne Sfez wird ab jetzt schon im Herbstheft für das jeweils vorangegangene Jahr gebracht. Mit Dank ist schließlich die Mithilfe von Daniela Haller zu erwähnen, die ein sachkundiges Auge auf die englischen Summaries geworfen hat.

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