Heft 35 (18. Jg. 2005): Edith Jacobssohn in Berlin

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Editorial (S. 5–6)


Den thematischen Schwerpunkt des vorliegenden Heftes bilden die Berliner Jahre von Edith Jacobssohn, der doppelt berühmten Analytikerin, die einerseits wegen ihrer Mitwirkung in einer Widerstandsgruppe 1935–1938 in Nazi-Gefängnissen saß und andererseits, nach ihrer Flucht aus Deutschland, mit einigen klassischen Büchern die amerikanische und so auch die internationale Psychoanalyse mitgeprägt hat.

Ulrike May verfolgt im Detail, ob und wie sich Jacobssohns linkspolitisches Engagement vor 1938 in ihren wissenschaftlichen Publikationen niedergeschlagen hat. Ungewöhnlich an dem Aufsatz ist erstens, daß diese Frage einmal nicht an den Hauptvertretern der "politischen" Psychoanalyse, Wilhelm Reich und Otto Fenichel, sondern an einem weniger prominenten Mitglied ihres Kreises, und zweitens, daß sie nicht an explizit politischen, sondern vor allem an klinischen Texten untersucht wird. Michael Schröter beschreibt, ausgehend von Jacobssohns Lehrtätigkeit in der Fortbildung für soziale Berufe, ein bisher ganz unbeleuchtetes Kapitel in der Geschichte der psychoanalytischen Pädagogik, in dem der Keim einer Entwicklung faßbar wird, die, ohne den Bruch von 1933, in Berlin zu einer ähnlich fruchtbaren Annäherung zwischen Psychoanalyse (Kinderanalyse) und Pädagogik hätte führen können, wie sie in Wien vor sich ging. Beiden Beiträgen zum Themenschwerpunkt ist gemeinsam, daß die Autoren im Zuge ihrer historischen Recherchen die Hoffnungen bearbeiten, die viele Angehörige ihrer Generation während der Studentenbewegung mit der Psychoanalyse, vor allem mit einer sozial und soziologisch aufgeschlossenen Psychoanalyse, verbunden haben.

In der Abteilung der thematisch freien Beiträge würdigt Manfred Klemann Lou Andreas-Salomé als Psychoanalytikerin. Er arbeitet heraus, mit welcher Intensität Andreas-Salomé ihre informelle analytische Ausbildung betrieb und wie ihre klinische Kompetenz nicht zuletzt dank Freuds brieflicher Supervision zunahm. Damit tritt er dem Klischee entgegen, das in "Lou" nur die femme fatale und Freundin großer Männer sehen will. Christine Walder stellt einen unbekannten Freudianer der zweiten Stunde vor: den Altphilologen und Mythenforscher Emil Lorenz, der sich 1910 als Student für die Psychoanalyse zu interessieren begann, dann einige Male die Wiener Vereinigung besuchte und bis Anfang der 1930er Jahre in der Imago veröffentlichte. Besonders einprägsam die Episode, wie er Freud eine Niederschrift eigener Träume mit seinen Assoziationen und Deutungen vorlegte. Michael Molnar setzt seine Serie "Bilder und ihre Geschichte" mit der Betrachtung eines Ausweisphotos fort, das Anna Freud im August 1914, nach Kriegsausbruch, von sich machen ließ, um von ihrem damaligen Ferienaufenthalt in England nach Wien zurückkehren zu können. Aus seiner Lektüre des Photos, einiger zeitgenössischer Briefe und insbesondere von Gedichten Anna Freuds entsteht ein subtiles Bild dieser "würdigen Tochter eines unsterblichen Mannes" als Mädchen.

Eröffnet wird die Abteilung "Aus der Forschung" durch einen Text, in dem Alan C. Elms die, bezogen auf die USA, meistverbreiteten "Freud-Zitate" untersucht. Er kommt zu dem überraschenden Ergebnis, daß keines davon aus verbürgten Freud-Schriften stammt. Ein Stück in seiner Hitliste – "Manchmal ist eine Zigarre nur eine Zigarre" – wird als relativ junge, dem Freudschen Determinismus zuwiderlaufende Erfindung erwiesen. Mit diesem ebenso gelehrten wie unterhaltsamen Beitrag (der nebenbei auch illustriert, wie sehr Freud ein Teil der amerikanischen Alltagskultur geworden ist) wird erstmals der Plan verwirklicht, daß in LUZIFER-AMOR bisweilen hervorragende psychoanalysehistorische Arbeiten, die in einer nicht-deutschen Sprache erschienen sind, in Übersetzung veröffentlicht werden sollen.

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