Heft 35 (18. Jg. 2005): Edith Jacobssohn in Berlin

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Ulrike May

Das Verhältnis von politischer Überzeugung und analytischer Arbeit, erörtert anhand der Berliner Aufsätze von Edith Jacobson (1930–1937) (S. 7–45)

Zusammenfassung: Der Kontext der Linksfreudianer, in dem sich Edith Jacobson in Berlin bis zu ihrer Emigration bewegte, wird dargestellt. Jacobsons psychoanalytische Arbeiten (1930–1937), die vor ihrer Emigration geschrieben und publiziert wurden, werden daraufhin untersucht, ob und inwiefern sich in ihnen die "politische" Psychoanalyse wiederfindet, die von W. Reich, Fenichel und anderen vertreten wurde. Im Unterschied zu Reich hielt sich Jacobson mit manifesten Bemerkungen über die Gesellschaft und ihre Institutionen relativ zurück, und zwar auch schon vor 1933. Sie brachte ihre politischen Überzeugungen auf eine implizite und verborgene Weise zum Ausdruck, nämlich in der Art, wie sie klinisch arbeitete und ihre klinische Arbeit konzeptualisierte. Ein zentraler Gesichtspunkt dabei war die Betonung der Bedeutung der äußeren Realität, zusammengefaßt in der sog. "ursprünglichen Neurosenformel", wonach die Neurose primär aus Konflikten zwischen Trieb und Außenwelt erwächst, nicht aus inneren Konflikten. Dieser Gesichtspunkt wurde von Jacobson wie von ihren Gesinnungsgenossen als Ausdruck einer politischen Haltung verstanden und richtete sich sowohl gegen einzelne Aspekte von Freuds (und Anna Freuds) Theorie (z. B. den primären Masochismus) als auch gegen die sich damals konstituierende Schule von Melanie Klein. Zugleich trafen sich die Linken darin mit ihren Wiener Kollegen. Die Autorin erläutert, daß und warum wir die verborgene politische Dimension der Aufsätze von Jacobson (wie auch von Fenichel, Gerö usw.) nicht mehr wahrnehmen können.

Summary: The relation between political orientation and analytical work, discussed on the basis of Edith Jacobson's Berlin papers (1930-1937).
The author discusses the context of the left-wing Freudians in whose circles Edith Jacobson moved in Germany. Her psychoanalytic papers of 1930-1937, written and published prior to her emigration, are examined as to whether at all or in which way they are marked by the "political" psychoanalysis as represented by W. Reich, O. Fenichel and others. In contrast to Reich, Jacobson was careful about voicing explicit comments on society and its institutions, even before 1933. She expressed her political opinions in an implicit and hidden way, namely in her clinical work. In particular she emphasized the role of external reality, summed up in the so-called "original formula of neurosis" according to which neurotic disorder results primarily from a conflict between drive and social reality rather than from inner conflict. Jacobson and her like minded friends saw this view as an expression of their political attitude, directed both against certain aspects of Freud's (and A. Freud's) theories, e. g. primary masochism, and the emerging Kleinian school. At the same time it was a point of agreement between the left-wing Freudians and their Viennese colleagues. The author highlights the fact that, and explains the reasons why, we no longer perceive the hidden political dimension in the papers of Jacobson (or in those of Fenichel, Gero and others).

Schlagworte:
Jacobson, Edith; Reich, Wilhelm; linke Psychoanalyse; Realität, äußere

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