Heft 36 (18. Jg. 2005): Zur Geschichte der psychoanalytischen Technik

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Editorial (S. 5–6)


"Die analytische Literatur ist sehr groß. Es ist erstaunlich, ein wie geringer Prozentsatz davon sich mit analytischer Technik befaßt" – diese Aussage, die Otto Fenichel 1936 machte, trifft für die psychoanalysehistorische Literatur genauso zu. Es werden zwar gern Vergleiche zwischen den technischen Ratschlägen und dem wirklichen Umgang Freuds mit seinen Patienten angestellt oder die Innovationen von Ferenczi gewürdigt, aber ansonsten gibt es kaum Arbeiten zur Geschichte der analytischen Technik. Das mag teilweise daran liegen, daß das praktische Know-how vor allem mündlich tradiert wird. Gleichwohl fanden seit den 1920er Jahren, im Zuge der Professionalisierung der Psychoanalyse, intensive schriftliche Diskussionen über Fragen der Technik statt, die sich nachzeichnen lassen und die aufzuarbeiten sich lohnt. Der Themenschwerpunkt des vorliegenden Hefts ist dieser Aufgabe gewidmet – nicht zuletzt in der Hoffnung, daß eine solche Fragestellung auch praktizierende Therapeuten vom Sinn historischer Forschung zu überzeugen vermag.

Den Beginn macht Eran J. Rolnik, der einen faszinierenden Brief entdeckt hat, in dem sich die junge Paula Heimann Anfang 1933 bei ihrem Lehranalytiker Theodor Reik über ein technisches Seminar von Wilhelm Reich beschwert. Die Spannung zwischen zupackender Widerstandsdeutung, im sicheren Gefühl korrekten Wissens, und einer behutsameren Haltung, die vor allem auf das "Übertragungserlebnis" achtet, hat nichts von ihrer Aktualität verloren. Daß jener Brief auf eine breitere, durchaus polemische Technik-Debatte hindeutet, die zwischen Reich (mit Fenichel) und Reik geführt wurde, unter dem Zeichen Systematik und Wissenschaftlichkeit des Vorgehens gegen Intuition und Offenheit für Überraschungen, zeigt Michael Schröter. Ruhiger verlief die technische Diskussion, die Edward Glover gleichzeitig in England moderierte. Als Beitrag zu seinem eindrucksvollen Forschungsprojekt hat Melanie Klein ein (bisher unbekanntes) Papier über "Angstberuhigung" verfaßt, das Claudia Frank vorstellt und im Kontext sowohl der damaligen Diskussion als auch des Kleinschen Werks erörtert. Es ist wenig überraschend, daß Klein die korrekte Deutung als Mittel der Wahl vorzieht, aber bemerkenswert, daß sie auch die nicht-analytische Beschwichtigung zumindest als Notbehelf anerkennt. Im letzten Beitrag beschreibt Achim Perner am Beispiel von August Aichhorn, wie man in Wien nach dem Ersten Weltkrieg mit technischen Parametern experimentierte, um den Anwendungsbereich der Psychoanalyse zu erweitern. Abgestimmt auf die Erfordernisse seiner Klientel von dissozialen Jugendlichen legte Aichhorn großes Gewicht auf die Aktivität des Analytiker-Erziehers, indem er z. B. durch die planvolle Herbeiführung eines kathartischen Erlebnisses den Aufbau der Übertragung beförderte. Perner betont, daß diese Tätigkeit damals nicht am Rand der psychoanalytischen Arbeit lag, sondern voll dazugehörte und innovatorische Früchte trug.

Unter den weiteren Beiträgen des Hefts wirft die sorgsame, materialreiche Studie von Terence A. Tanner über Freuds Beziehung zur Zeitschrift für Hypnotismus zuerst die Frage auf, warum es eines amerikanischen Autors bedurfte, um dieses gewichtige Thema zu bearbeiten. Nach einer Darstellung der Zeitschrift versammelt Tanner die Informationen, die wir über Freuds Kontakte zu ihren Herausgebern und Redakteuren August Forel, Jonas Großmann, Oskar Vogt und Korbinian Brodmann haben. Das Hauptgewicht seiner Untersuchung liegt auf der Dokumentation von Freuds langjährigem Engagement für den Hypnotismus, der als wissenschaftsgeschichtlicher Wurzelboden der Psychoanalyse gelten kann: aber daneben fallen auch manche schöne Einzelfunde ab, so die plausible These, daß Freud vergeblich versucht hat, seine "Dora"-Analyse im Nachfolgeorgan der Zeitschrift für Hypnotismus unterzubringen. Als nächstes diskutiert Klaus Hoffmann die loci classici der psychoanalytischen Beschäftigung mit kriminologischen Problemen und akzentuiert sie dabei in einer Weise, die den erfahrenen Praktiker verrät, z. B. im Blick auf die Schuldfähigkeit und die Behandlung von Straftätern oder auf die Haltung des therapeutischen und Pflegepersonals. Die diesmalige Bildbetrachtung von Michael Molnar knüpft an die Forschungen über Freuds Berliner Schwester und deren Tochter, die Bilderbuchkünstlerin Tom Seidmann-Freud, an, die in Heft 33 von LUZIFER-AMOR präsentiert wurden. Insbesondere spürt Molnar dem Vorgang nach, wie einem Photo, das Tom von ihrer alten Mutter und ihrer jungen Tochter aufgenommen hat, durch unsere Kenntnis der späteren Lebensschicksale der Beteiligten unvermeidlich eine tragische Aura zuwächst.

Als "Quellentext" legen Rita Signer und Christian Müller, ergänzend zu ihrem veröffentlichten Band mit Korrespondenz von Hermann Rorschach, eine Auswahl aus dessen neuaufgefundenen Briefen an seinen Bruder vor. In einer "Kleinen Mitteilung" berichten Nellie L. Thompson, Michael Schröter und Ulrike May von einer kleinen Sensation: dem Wiederauftauchen der Erinnerungen von Isidor Sadger an Freud, die 1930 bereits gedruckt vorlagen (und die auf deutsch zur Veröffentlichung in der Schriftenreihe von LUZIFER-AMOR vorgesehen sind). Sie liefern erstmals eine Erklärung dafür, warum das Buch bisher verschollen war.

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