Heft 37 (19. Jg. 2006): Aus dem Freud Museum London

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Editorial (S. 5–6)


Für alle, die sich mit Geschichte der Psychoanalyse beschäftigen, steht das Jahr 2006 mehr oder weniger im Zeichen des 150. Geburtstags von Freud. Auch LUZIFER-AMOR trägt diesem Jubiläum Rechnung. Dabei setzt das vorliegende Heft einen Akzent, wie er einer wissenschaftlichen Spezialzeitschrift angemessen ist: es feiert mit seinem Schwerpunkt nicht nur Freud, sondern gleichzeitig eine der Institutionen, denen wir einen Großteil unserer Kenntnisse über ihn verdanken: das Londoner Freud Museum. Dieser Fokus erinnert daran, daß alle historische Forschung von Quellen abhängig ist, als Basis und Korrektiv des rezipierten und Ausgangspunkt neuen Wissens, und somit auch von den Orten, wo Quellen gesammelt und bereitgestellt werden: von Archiven (und Bibliotheken). Wie die Beiträge zum Schwerpunktthema zeigen, müssen europäische Freud-Forscher für Arbeiten an den Quellen nicht immer nach Washington fahren, sondern können vieles auch im näher gelegenen London tun.

Zu Beginn geben Michael Molnar, der derzeitige Direktor, und Christfried Tögel, Research Fellow am Freud Museum, einen Überblick über die Londoner Bestände. Danach setzt Molnar einerseits die Serie seiner gedankenvollen Bildbetrachtungen in LUZIFER-AMOR fort und durchbricht sie andererseits, insofern er nicht eine Photographie, sondern eine Radierung betrachtet: das Porträt, das Max Pollak Ende 1913 von Freud anfertigte. Er bringt die pathetische Stimmung des Bildes mit der historischen Situation zur Zeit seiner Entstehung zusammen und geht speziell auf die einzelnen Antiquitäten ein, die darin als dunkle Silhouetten und vielleicht als Quelle der Inspiration vor Freud aufgebaut sind. Mit einem anderen Teil von Freuds Antiquitätensammlung, mit Darstellungen zumeist bedrohlicher Frauen (Herrin der Tiere, Sphinx, Medusa, Baubo), befaßt sich Janine Burke. Sie beleuchtet den mythologischen Hintergrund dieser Figuren und erkennt in ihnen Aspekte einer wilden, machtvollen Weiblichkeit, die in modernen feministischen Diskursen hochgeschätzt werden, während sie in Freuds Theorien eher ausgeblendet sind. Ulrike May bietet eine Auswertung von Freuds Patientenkalender 1910-1920, zunächst beschränkt auf 17 Mitglieder psychoanalytischer Vereinigungen, die bei ihm in Analyse waren. Der Kalender ermöglicht erstmals exakte und mehr als nur punktuell-illustrative Aussagen über Freuds Praxis. Auffällig, im Vergleich zu heute, sind die relativ kurze Behandlungsdauer und die teilweise extrem hohe Stundenfrequenz sowie die pragmatische Bereitschaft Freuds, äußeren Umständen Rechnung zu tragen. Mays Arbeit ist ein schönes Beispiel für das Innovationspotential der in London aufbewahrten Archivalien – und nicht zuletzt für die aktuelle Brisanz, die historischer Forschung innewohnen kann.

Außerhalb des Themenschwerpunkts würdigt Nina Bakman, offenbar angeregt durch eigene Übersetzungserfahrungen, Freuds Analysandin und erste große Übersetzerin ins Englische, Joan Riviere. Zentrum des Beitrags ist die Episode Anfang der 1920er Jahre, in der Freud Riviere, gegen den Widerstand von Jones, als psychoanalytische Hauptübersetzerin etablierte, und hier die Frage, wieweit er dabei die Bedürfnisse seiner Analysandin eigenen Interessen unterordnete. Peter Kutter erzählt die Geschichte des Stuttgarter psychotherapeutischen Instituts, speziell in der Umbruchphase der 1960er Jahre, als Wolfgang Loch, im Zusammenhang seines Rufs nach Tübingen, dorthin kam. Der Text, der im Übergangsfeld von persönlicher Erinnerung und historischer Darstellung angesiedelt ist, zeigt, wie sich strukturelle Konflikte, die für die Entwicklung der Psychoanalyse in der damaligen Bundesrepublik bestimmend waren – nationale vs. internationale Orientierung, "Synopse" vs. Schulbindung, DPG vs. DPV, aber auch Fachverein vs. Universität – unter spezifischen lokalen Bedingungen auswirkten.

In einer "Kleinen Mitteilung" denkt Bernhard Schlink, am Beispiel der wirklichen oder imaginierten psychotherapeutischen Behandlung von Hitlers Kriegsneurose, über die Faszination der Idee von "Sternstunden der Menschheit" nach. Gerhard Fichtner und Michael Schröter erörtern einen frühen Lexikon-Artikel über Freud, in dem eine Freudsche Vorlage durch den Autor "überschrieben" wurde. Vera von Planta informiert über Mira Oberholzer-Gincburg, eine aus Rußland-Polen stammende Pionierin der Psychoanalyse in der Schweiz und Analysandin Freuds.

Abschließend sei noch ein Faktum erwähnt, das durch das Freudjahr 2006 zumindest mitbedingt ist. In den letzten Monaten sind die Bände 2–4 der Schriftenreihe von LUZIFER-AMOR erschienen: der Briefwechsel zwischen Freud und Minna Bernays in der Edition von Albrecht Hirschmüller, der Katalog von Freuds Bibliothek (CD-ROM mit Begleitband), herausgegeben von Keith Davies und Gerhard Fichtner, sowie die jüngst aus der Verschollenheit aufgetauchten Erinnerungen an Freud von Isidor Sadger, herausgegeben von Andrea Huppke und Michael Schröter. Abonnenten von LUZIFER-AMOR können auch diese Bände wieder zu einem Vorzugspreis erwerben.

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