Heft 38 (19. Jg. 2006): Blicke auf Freud

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Editorial (S. 5–6)


Das vorliegende Heft ist noch einmal eine Hommage an Freud zum Jubiläumsjahr 2006. Die Beiträge des Themenschwerpunkts, der ihm gewidmet ist, füllen ausnahmsweise das ganze Heft, wobei das Spektrum der Themen vom biographischen Detail über die Analyse von theoretischen Gesichtspunkten seines Werks bis zu Aspekten der Wirkungsgeschichte reicht.

Den Beginn macht ein durchweg aus wissenschaftshistorischer Perspektive entworfener Vortrag, den Albrecht Hirschmüller zum 150jährigen Geburtstag Freuds gehalten hat. Hirschmüller bietet einen sachkundig nuancierten Lebensabriß, untersucht verschiedene Gründe für die Rezeptionsschwierigkeiten, auf die Freud stieß, und erörtert die bekannte Parallelisierung der Psychoanalyse mit den Paradigmen von Kopernikus und Darwin. Dabei kommt er zu dem Ergebnis, daß der Vergleich zwischen Freud und Galilei weiter trägt als der mit den beiden anderen Heroen eines wissenschaftlichen Menschenbilds. Mit einer prägenden Figur für Freuds Persönlichkeit, seinem frühverstorbenen Bruder Julius, befaßt sich Franz Maciejewski. Er stellt die wenigen Informationen zusammen, die wir über ihn haben, betont die Unstimmigkeiten zwischen diesen Angaben und entwickelt die These, daß Julius am ehesten in Roznau, während eines Kuraufenthalts seiner Mutter, geboren wurde. Michael Molnar betrachtet zwei Photos, die Freud im Sommer 1900 in einer familiären Szene zeigen, und amplifiziert die darin festgehaltenen Einzelheiten durch eine Fülle von Quellenzeugnissen. Das besondere aber an den beiden Bildern ist, daß sie offenbar sehr kurz nacheinander aufgenommen wurden, womit sie den Zeitablauf sichtbar machen, den Einzelphotos per se nicht erfassen können, was Molnar zu Reflexionen über die Eigenart des Mediums Photographie und sein Verhältnis zur Geschichte veranlaßt.

Eine Postkarte von 1905, mit der Freud die Mitglieder der Mittwoch-Gesellschaft aufforderte, sie möchten sich auf das Thema der nächsten Sitzung, Elektra, "durch Lektüre oder Theaterbesuch" vorbereiten, bildet den Fokus des nächsten Beitrags. Leo A. Lensing wirft darin nicht nur ein Schlaglicht auf die dunkle Anfangsphase der Mittwoch-Gruppe, sondern entfaltet insbesondere die kontroverse zeitgenössische Debatte um die Art und Weise, wie Hugo von Hofmannsthal seine Elektra, beeinflußt durch die Studien über Hysterie, als Hysterika angelegt hat. Wir begegnen hier einer frühen Freud-Rezeption durch die Wiener literarische Avantgarde – und erfahren, daß Freud selbst die Folgen dieser Rezeption skeptisch beurteilte. Freundlicher gestaltete sich seine Beziehung zu Thomas Mann, die Gerhard Hummel nachzeichnet und die in der Szene gipfelte, als Mann seine Rede zu Freuds 80. Geburtstag diesem privat vorlas. Hummel erläutert, welche Rolle die Psychoanalyse für Thomas Manns nicht-reaktionäre Mythos-Konzeption spielte, diskutiert die Bedeutung der Bruder-Rivalität, die Freud seinem Besucher am Fall von Napoleon darlegte, für beide Männer und spürt leise Anzeichen von Spannung in ihrem Verhältnis auf. Am Ende steht die Überlegung, wieweit der Dichter eine Vaterübertragung auf den "Alten" in Wien entwickelt hat.

Freuds Verwendung des Begriffs "Glauben" und seiner Derivate untersucht Herbert Will. Er findet, daß Freud den Glauben nicht als spezifisch religiöses Phänomen ansieht, sondern als Gegenpol zur intellektuellen Autonomie. Das gilt für die Ontogenese, wo die Gläubigkeit aus der abhängigen Liebe des Kindes zu den Eltern erwächst, wie für die Menschheitsentwicklung, wo die religiöse Denkweise als Vorstufe der wissenschaftlichen erscheint, und nicht zuletzt für die therapeutische Situation, wo die "gläubige Erwartun" des Patienten eine Basis der Übertragung ist. Die religiöse Erfahrung hingegen und die Vertrauensdimension des Glaubens seien Freud unzugänglich geblieben. Das späte Moses-Buch stand im Zentrum einer Sitzung der Palästinensischen Psychoanalytischen Vereinigung am 6. Mai 1939. In seiner Festrede äußerte Max Eitingon die Idee, daß Freud selbst "irgendwie von der Art" des Moses sei. Die Rede wird von Friedrich-Wilhelm Eickhoff einleitend kommentiert und in ihren historischen Kontext, insbesondere die Situation des Exils, gestellt. Eickhoff betont, daß Freuds Mann Moses damals nirgendwo eine vergleichbar sorgfältige und positive Aufnahme erfahren hat. Zwei Fundstücke zur Freud-Biographik in der Exilpresse präsentiert Ulrike May: Leserbriefe, in denen Alexander Freud festhält, daß sein Bruder kein Zionist gewesen sei, und einen Bericht des Bildhauers Königsberger über die Sitzungen, bei denen er 1920 eine Büste von Freud anfertigte.

Das Freudjahr 2006 hat zu einer Flut von einschlägigen Buchveröffentlichungen geführt, weshalb auch der Rezensionsteil in diesem Heft ungewöhnlich umfangreich ist. Die wichtigste Neuerscheinung, die Edition des Briefwechsels zwischen Sigmund und Anna Freud, wird von Katharina Rutschky in einem Buch-Essay gewürdigt, der generell darauf hinweist, wie sehr die Psychoanalyse in der jüdischen Familienkultur wurzelt. Die Liste von neuen Aufsätzen zur Geschichte der Psychoanalyse in deutsch- und englischsprachigen Zeitschriften, die Michael Giefer und Ulrike May jedes Jahr für LUZIFER-AMOR zusammenstellen, beschließt das Heft.

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