Heft 77 ( 39. Jg. 2026): Eisenbahn

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Editorial (S. 5-8)

Für den Schwerpunkt dieses Hefts konnten wir Kai Rugenstein und Timo Storck als Gastherausgeber gewinnen, die das Thema „Eisenbahn“ vorgeschlagen und die Beiträge dazu akquiriert und zusammengestellt haben. Hier ist zunächst ihre Einführung.
 

In Fahrtrichtung zurück blickt Freud aus dem Fenster eines Zuges, der langsam durch eine Blumenwiese fährt und den wir nach und nach aus dem Blick verlieren. So endet Yair Qedars vielgelobter, 2025 erschienener Dokumentarfilm „Outsider. Freud“. Der Film erzählt das Leben Freuds in vier Kapiteln, von denen jedes mit einer animierten, surrealistischen Eisenbahn-Sequenz beginnt. In den Diskussionen des Films wurde wenig über die Eisenbahn gesprochen, und auf den ersten Blick mag es scheinen, als ob sich das Thema „Eisenbahn“ nicht ohne weiteres als Schwerpunkt für eine psychoanalytische Fachzeitschrift anböte.

Doch an zentralen Stellen der Geschichte der Psychoanalyse - einschließlich ihrer Begriffsgeschichte - taucht das Motiv des Reisens und interessanterweise insbesondere das des Reisens mit der Eisenbahn immer wieder auf. Berühmte Beispiele dafür sind Freuds Erinnerungen an die „matrem nudam“ im Zug (und deren Bedeutung für die Ödipustheorie) oder seine im Dezember 1899 selbstdiagnostizierte „Eisenbahnphobie“. Auch die Bedeutung von Sigmunds jüngstem Bruder Alexander - von Freud selbst nach Alexander dem Großen benannt und einer der bedeutendsten Sachverständigen für das Eisenbahntarifwesen der österreichischen Monarchie - ist ein spannender Bereich der Freud-Biografik.

In einer psychoanalytischen Auseinandersetzung mit der Eisenbahn steckt dabei weit mehr als nur die Betrachtung der Überbrückung von Entfernungen in den ersten Jahrzehnten der Psychoanalyse, in denen sich die psychoanalytische Landkarte in Europa zunehmend ausdehnte. Die Psychodynamik der Eisenbahn erlaubt es vielmehr auch, in den Blick zu nehmen, dass und wie die Verbindungen zwischen unterschiedlichen Orten und Denkrichtungen der Psychoanalyse gelingen oder misslingen: etwa zwischen Wien und Paris, zwischen Wien und Berlin oder zwischen Wien und London.

Die Beiträge dieses, eine ganze Weile vor dem Erscheinen von Qedars Freud-Film konzipierten Schwerpunktes nehmen unterschiedliche Facetten in der Geschichte des Verhältnisses von Psychoanalyse und Eisenbahn in den Blick. Ausgangspunkt ist dabei Freud. Zunächst greift Kai Rugenstein das Eisenbahn-Motiv bei Freud auf und verfolgt, wie verschiedene Spuren schließlich zu jener Eisenbahnreise-Metapher führen, die Freud in „Zur Einleitung der Behandlung“ seinen Analysandinnen und Analysanden als Bild für den psychoanalytischen Prozess anbietet. Danach geht Joachim Küchenhoff dem Verhältnis Freuds zu den kuriosen Eisenbahnkrankheiten des 19. Jahrhunderts - „railway brain“ und „railway spine“ - nach. Timo Storck widmet sich in seinem Text ausgehend von der Formulierung des „einzigen/einzelnen Zugs“, die sich sowohl bei Freud als auch bei Lacan findet, den unterschiedlichen Auffassungen psychoanalytischer Begriffe zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten, um so Grundperspektiven einer psychoanalytischen Konzeptforschung aufzuzeigen. Es folgt ein biografisch ausgerichteter Beitrag von Christfried Tögel über die Bedeutung Alexander Freuds. Schließlich betrachtet Dominic Angeloch Venedikt Erofeevs Roman „Moskau-Petuški“, der während einer Eisenbahnfahrt spielt, dabei aber eine Studie zu psychischem Zerfall entfaltet und uns insbesondere mit der Frage nach der Bedeutung von Erinnerung konfrontiert. Den Abschluss des Schwerpunktes bilden zwei kürzere Beiträge. Im ersten setzt sich Gilbert Beronneau mit einer Eisenbahnaktie aus Freuds Geburtsjahr 1856 auseinander; im zweiten wenden sich Kai Rugenstein und Timo Storck einer enigmatischen eisenbahnbezogenen Notiz Freuds aus dem April 1911 zu. In der Fülle der Beiträge des Themenschwerpunktes zeigt sich, dass die Eisenbahn nicht nur Beiwerk für die Geschichte der Psychoanalyse und deren Vorankommen ist, sondern dass beide auf überraschende Weise aneinander gekoppelt sind.

Kai Rugenstein und Timo Storck
 

In der zweiten Hälfte des Hefts folgen, wie gewohnt, Beiträge „Aus der Forschung „. Den Anfang macht Andreas Seeck, der den Einfluss von Theodor Lipps auf Freuds Konzept vom Unbewussten auch unter Einbezug aktueller Literatur neu zu bestimmen sucht. Manfred Klemann rekonstruiert die Harzreise des sogenannten Geheimen Komitee um Freud im September 1921 und kommt dabei einem mysteriösen Bilderdiebstahl im Hildesheimer Pelizaeus-Museum auf die Spur. Frederick Simon und Anna-Isabel Fuss entreißen die deutsch-britische jüdische Psychoanalytikerin Hilde Lewinsky der Vergessenheit, schildern ihren Emigrationsweg und würdigen ihre klinischen und theoretischen Beiträge. Der westdeutsche Nachkriegsanalytiker Hans Molinski war Pionier einer gynäkologischen Psychosomatik, hat aber gleichzeitig aus seinen amerikanischen Lehrjahren Impulse der dortigen Psychoanalyse aufgenommen und in seinem rheinischen Wirkungskreis verbreitet, was Michael Lacher in seiner Studie belegen kann. Mariangela Kamnitzer Bracco verfolgt Freuds Aufnahme ins brasilianische Portugiesisch anhand der in Etappen verlaufenen Übersetzungsgeschichte.

In der Rubrik der „Kleinen Mitteilungen“ stellt Michael Molnar den abschließenden fünften Band der Brautbriefe von Sigmund Freud und Martha Bernays vor und betont die Verdienste der Herausgeber und des Verlags um die Edition dieses Briefwerks in vierzehnjähriger Arbeit. Lothar Müller beschenkt uns mit zwei Trouvaillen aus der Wiener Berggasse, die Theodor Herzl und die Exportakademie betreffen (und im Übrigen auch das Heftthema „Eisenbahn“ berühren). Zuletzt ediert Monika Pessler einen bisher unbeachteten Freud-Brief an Richard Coudenhove-Kalergi vom 1. November 1929 und unterstreicht die Aktualität seiner Kernaussage anlässlich der heute in der Welt herrschenden politischen und kulturellen Verwerfungen.

Rezensionen und Buchanzeigen beschließen das Heft.

Ludger M. Hermanns