Heft 78 (39. Jg. 2026): Geschlecht in Theorie und Praxis der Psychoanalyse

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Rémy Amouroux, Alix Vogel und Aude Fauvel
»Was will die Prinzessin?« Misogynie, Marie Bonapartes »fleischliche Gemeinschaft« und die Suche nach einem wissenschaftlichen Verständnis der weiblichen Lust (S. 59-86)

Zusammenfassung: 1924 führte Marie Bonaparte, die später eine führende französische Psychoanalytikerin wurde, eine der ersten wissenschaftlichen Erhebungen zur weiblichen sexuellen Lust durch. Gegenwärtig wird ihre Arbeit über die Sexualität der Frau als eine Obsession betrachtet und ihrer angeblich frigiden Disposition zugerechnet. Der vorliegende Aufsatz, der sich auf unlängst freigegebenes Archivmaterial aus der Library of Congress (Washington, DC) stützt, versucht, Bonaparte ihren Platz in der Geschichte der Sexualwissenschaft wiederzugeben, als Pionierin der Bemühungen von Frauen, sich im akademischen Diskurs Gehör zu verschaffen. Angesichts der Misogynie und bisweilen Belästigung, die sie erlebte, sah sie sich gezwungen, männliche Ärzte zu umgehen und ein »fleischliches Netzwerk« aufzubauen, in dem sie andere Frauen dazu brachte, sich zum Verständnis der weiblichen Lust intimen Messungen und Befragungen zu unterziehen. Aus einer Betrachtung des Kontexts, in dem Freud seine bekannte Frage »Was will das Weib?« stellte, sowie einer Untersuchung von Bonapartes Streben nach sexueller Freiheit und der komplexen Beziehung zu ihrem berühmten Analytiker scheint hervorzugehen, dass sich jene Frage nicht wirklich auf die Eigenart der Frau bezog, sondern eine Warnung an seine Schülerin enthielt im Blick auf die Einschränkungen, die sich Frauen in der Gesellschaft auferlegen sollten. Generell werden Bonapartes Thesen besser verständlich im konzeptuellen Rahmen eines »situierten Wissens«, im Sinne von Donna Haraway. Tatsächlich gewann sie an ihrem und den Körpern anderer Frauen ein Wissen, das den vorherrschenden männlichen Blick auf Frauen herausforderte. Ihr Werk ist keineswegs das Produkt einer frigiden Neurotikerin oder einer Freud-Fanatikerin, sondern ein frühes Zeugnis der kollektiven sozialen Ermächtigung von Frauen im Laufe des 20. Jahrhundert.

Summary: »What does the princess want?« Misogyny, Marie Bonaparte’s »carnal community,« and the pursuit of a scientific understanding of female pleasure In 1924, Marie Bonaparte, who would later become a prominent French psychoanalyst, conducted one of the first scientific surveys of female sexual pleasure. In contemporary discourse, her work on women’s sexuality is characterized as an obsession, attributed to her allegedly frigid nature. This article draws on recently released archival materials from the Library of Congress in Washington, DC, to replace Bonaparte in the history of sexology and women’s struggles to make their voices heard in academic circles. Faced with misogyny and sometimes harassment, she was forced to bypass the male physician and create a »carnal network« through which she persuaded other women to be intimately measured and interrogated to understand the nature of female pleasure. Going back to the roots of Freud’s famous question, »What does woman want?« and examining Bonaparte’s quest for sexual freedom and her complex relationship with her famous analyst, we argue that Freud was not truly asking a question about femininity but rather warning his student about the restrictions women should place on themselves in the society. Overall, we suggest that Bonaparte’s theses can be better understood through the conceptual framework of »situated knowledges« as articulated by Donna Haraway. Indeed, it is from her and other women’s bodies that she produced a knowledge that competed with the dominating male gaze on women’s bodies. Far from being the product of a frigid neurotic or a Freudian zealot, Bonaparte’s work was an early manifestation of the collective empowerment of women in society throughout the 20th century.