Heft 78 (39. Jg. 2026): Geschlecht in Theorie und Praxis der Psychoanalyse
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Editorial (S. 5-7)
Geschlecht war in der Psychoanalyse von Beginn an zentral und kontrovers. Psychoanalytische Diskurse befassten sich mit den komplexen Konfigurationen vonWeiblichkeit, Männlichkeit und einem stets präsenten, aber oft als begrenzt wahrgenommenen Dazwischen sowie mit dem Verhältnis von Psyche und Physis. Psychoanalyse bedeutete also geschlechterdifferentes Denken. Gleichzeitig kam die Psychoanalyse als historisch situierte, kulturelle Praxis selbst in das Kreuzfeuer der Geschlechterkritik.
Und das nicht ohne Grund: Implizit reproduzierte die frühe psychoanalytischeTheorie bildung die im frühen 20. Jahrhundert gesellschaftlich vorherrschende männliche Hegemonie und nahm Weiblichkeit sowie diverse nicht heteronormative Sexual- und Geschlechterkonfigurationen oft als zu überwindende Defizitform wahr. Kritik an der Rolle gesellschaftlicher Geschlechterbilder in Theorie und Praxis der Psychoanalyse kam dabei häufig aus marginalisierten Kontexten innerhalb und vom Rande der Psychoanalyse. Karen Horneys Insistieren auf der kulturellen Bedingtheit des Geschlechterbilds gehört hier ebenso dazu wie die anthropologischen Studien Marie Bonapartes zum weiblichen Sexualempfinden oder Otto Ranks sexualwissenschaftlich inspirierte und psychoanalytisch durchdachte Darstellung homosexueller Neigungen in Mythos und Literatur.
Der Schwerpunkt des vorliegenden Heftes untersucht an einigen ausgewählten historischen Beispielen, wie Geschlecht in den verschiedenen Strömungen der analytischen Theoriebildung ex- oder implizit verhandelt wurde. Vor dem Hintergrund des Wandels von Männlichkeits- und Weiblichkeitskonzepten und dem neuen Verständnis von queeren und trans Menschen im 20. und 21. Jahrhundert fragen wir, ob und wie diese Veränderungen in psychoanalytischer Theorie und Praxis berücksichtigt wurden oder von einer zeit- und kulturunabhängigen Geschlechtlichkeit ausgegangen wurde oder wird?
Unser Blick wendet sich auch der Frage zu, wie sich die Postulate der psychoanalytischen Theoriebildung im psychoanalytischen Prozess ausgewirkt haben. Geschlechternormative Positionen sind wirkmächtige Faktoren, die sich besonders bei marginalisierten Sexual- und Geschlechtsidentitäten im positiven wie negativen Sinne Geltung verschaffen; gerade weil sie implizit oder explizit auf Behandlungsstrategie und -ziel der Analysand*innen wirken.
Die Beiträge dieses Hefts leisten hier einen Beitrag, insbesondere zur frühen Geschichte der Psychoanalyse und reichen bis in die jüngste Vergangenheit.
Der erste Beitrag von Esther Hutfless bietet einen kursorischen Überblick der inner- und außerhalb der Psychoanalyse geführten Debatten um Weiblichkeit und marginalisierte Sexual- und Geschlechterformen im 20. und 21. Jahrhundert. Dabei wird deutlich, dass es im Zeitlauf der Geschichte mit einer zunehmenden Politisierung von Geschlechtlichkeit und Sexualität zu einer Pluralisierung psychoanalytischer Erklärungsansätze kam, die sich von traditionellen Werthaltungen distanzieren konnten und emanzipative Positionen stärken.
Ulrike Kadi analysiert in ihrem Beitrag Karen Horneys frühe Kritik am Konzept des Penisneids und rekonstruiert die Bandbreite von Horneys Forschungsansätzen, die durch eine Reihe von Perspektivwechseln gekennzeichnet sind. Horneys Plädoyer für die systematische Einbeziehung kultureller Faktoren in das Verständnis von Geschlecht stellt bis heute einen zentralen Forschungsgegenstand dar, dessen vertiefte Untersuchung weiterhin erforderlich ist.
Der Beitrag von Rémy Amouroux, Alix Vogel und Aude Fauvel verortet erstmals Marie Bonapartes Beitrag zur Erforschung weiblicher Sexualität systematisch in ihrem intellektuellen und sozialen Kontext: Er rekonstruiert ihren Versuch, weibliche sexuelle Lust anthropologisch zu bestimmen, und hebt hervor, dass dies trotz frauenfeindlicher Ausgrenzungen in der Wissenschaft und erlebter sexueller Belästigung erfolgte. Fast nebenbei werden die üblichen reduzierten Lesarten Bonapartes als einflussreiche Mäzenin der Psychoanalyse und Wegbereiterin von Freuds Emigration durch ihren genuin wissenschaftlichen Beitrag zum Verständnis weiblicher sexueller Lust erweitert. Die Übersetzung des Beitrags ins Deutsche übernahm Michael Schröter.
Lorenz Jäger zeigt am Beispiel Alix und James Stracheys, wie die Umbrüche nach dem Ende der viktorianischen Epoche im sexuell liberalen Bloomsburykreis ein fruchtbares Rezeptionsmilieu für die Psychoanalyse entstehen ließen. Die akribische und gegenderte Übersetzungs- und Editionsarbeit des Paares steht dabei exemplarisch für eine umfassende Kultur der Schriftlichkeit, die die Entwicklung der frühen britischen Psychoanalyse nachhaltig prägte.
Birgit Lang präsentiert eine Neuentdeckung: Ein bisher unveröffentlichtes Manuskript Otto Ranks (»Über den Ausdruck homosexueller Neigungen in Mythos und Dichtung«). Bereits 1906 liest Rank hier Literatur auf unbewusste homosexuelle Neigungen hin und bietet eine unbekannte alternative Ödipusdeutung. Lang kontextualisiert das Werk historisch und intellektuell, erörtert Gründe für dessen Marginalisierung und deren Konsequenzen.
Obgleich es eher unüblich ist, in Arbeit befindliche Forschungsprojekte wie das von Ulrike Kloeppel, Steff Kunz und Steffen Dörre in diesem Forum ausführlich vorzustellen, ergibt sich deren Präsentation in diesem Heft aus den teils negativ gefärbten Werthaltungen von Analytiker*innen gegenüber sexuell und geschlechtlich diversen Analysand*innen der letzten gut 100 Jahre, die sich in den Einzelbeiträgen andeuten. Der Beitrag, dessen Vorstudie von der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie e.V. (DGPT) unterstützt wird, ist als Aufruf an Analytiker*innen und Analysand*innen zu verstehen, mit den Forschenden Kontakt aufzunehmen und ihre diesbezüglichen Erfahrungen und Erlebnisse mitzuteilen.
Der abschließende Beitrag des Themenschwerpunkts über die Behandlung eines anonym bleibenden Patienten des deutschen Psychiaters und Psychotherapeuten Johannes Heinrich Schultz, bekannt als Gründer des Autogenen Trainings, belegt eindrücklich zweierlei: Zum einen, wie solch negative Werthaltungen gegenüber sexual diversen Personen das Therapieziel, nämlich die heterosexuelle Konversion, bestimmen, zum anderen aber auch, wie sie auf das Erleben und die Selbstwertschätzung von Analysand*innen zurückwirken können.
Eine Notiz zum Sprachgebrauch: Wir haben es den Autor*innen dieses Schwerpunkts überlassen, zu gendern, wie es Ihnen angebracht erschien. Die resultierende Mischung an sprachlichen Formen bringt eine gewisse Unordnung der Geschlechter zum Ausdruck, die auf inhaltliche und teilweise generationelle Differenzen verweist, die wir hier als produktiv verstehen.
In der Rubrik der Beiträge »Aus der Forschung« zeichnet Ewa Kobylinska-Dehe zwei eindrucksvolle Portraits von aus Polen geflohenen jüdischen Psychoanalytiker*innen, die auf höchst unterschiedlichen Wegen in New York gelandet sind und großartige, weitgehend in Vergessenheit geratene Lebenswerke hinterlassen haben: Alberta Szalita und Gustav Bychowski.
Die Fülle von »Kleinen Mitteilungen« eröffnet Wolfgang Leuschner mit einer Untersuchung von drei Grafiken Freuds zur Wortbildung, deren inneren Zusammenhang er herausarbeitet. Christian Kaserer plädiert für eine rezeptionsoffene, dynamische psychoanalytische Literaturwissenschaft und zieht dazu als anregendes Beispiel Eisslers Unterscheidung in endo- und exopoetische Interpretationsverfahren und seinen Ausgang vom »irritierenden Detail« heran. Andrei Matveev entdeckt einen Fehler im Narrativ über die Gründung des Sigmund-Freud-Institutes im Jahre 1960 (auf der DGPT-Webseite) und rekonstruiert die offizielle, gleichwohl ambivalente Einladung der ehemaligen Mitglieder zur Eröffnung am Beispiel von Heinrich Meng. Herbert Will würdigt Regine Lockots Lebenswerk anlässlich der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft in der DPG. Katarzyna Swita gibt einen anschaulichen Tagungsbericht vom diesjährigen 39. Symposion zur Geschichte der Psychoanalyse an der IPU Berlin, während Caroline Neubaur über eine vom Wiener Freud-Museum organisierte Gruppenreise zu Freuds Geburtsort Freiberg/Príbor und seinen Nachbarschaften erzählt.
Rezensionen und Buchanzeigen beschließen das Heft.
Birgit Lang und Rainer Herrn
