Heft 78 (39. Jg. 2026): Geschlecht in Theorie und Praxis der Psychoanalyse
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Wolfgang Leuschner
Über Wortverlust – drei Grafiken Freuds (S. 162-173)
Zusammenfassung: Ausgehend von Untersuchungen zu organischen Sprachstörungen entwickelte Freud 1891 ein Modell, das ähnlich seinen Vorstellungen zu hysterischen Lähmungen Sprache von bloß neurologischen Ursachen löste. Ins Zentrum der grammatischen Leistungen des von ihm formulierten Wort-Sachvorstellungskomplexes stellte er eine Wortbildung, die maßgeblich durch die automatische »Klangschalter«-Verknüpfung erworbener Objektvorstellungen mit dem sogenannten Klangbild zustande gebracht wird. Wie er dann in einer späteren, wenig bekannten Arbeit von 1898 aufzeigte, kann diese Verknüpfung misslingen, das Wort, ein PIN usw. wird vergessen. Das ruft ein gewisses Erschrecken hervor und jeder davon Betroffene versucht den »verlorenen« Wortklang durch wildes Assoziieren wiederzufinden. Genau dabei tun sich Ersatzwörter bzw. deren Bruchstücke auf, die nun zumindest Auskunft über jenes sprachliche Netzwerk geben, das den originären Klang umgibt. Weil die Klangblockade auch die Traumbildung betrifft, ist davon auszugehen, dass sowohl bei der Traumbildung wie dem Wortvergessen jene Bruchstücke aus der Zeit der infantilen Sprachbildung stammen. Beiden »Symptomen« liegt eine umschriebene Regression zugrunde, die auch in Einschlafvorgängen zu beobachten sind. Eigene Untersuchungen zur Traumbildung weisen darauf hin, dass spontane Wiedererinnerungen eines Wortes auch auf deren duale (gestisch-motorische) Kodierung zurückzuführen sind. Schließlich wird anhand einer dritten Zeichnung aus »Das Ich und das Es« behauptet, dass die »Kippschalter-Funktion« die Leistungen des Systems Vbw insgesamt charakterisieren. Die drei Zeichnungen Freuds zusammen erweisen sich am Ende als Facetten einer Einheit eines Aggregates.
Summary: From the theory of aphasia to the »Hörkappe« – Three graphics by Freud. Drawing upon studies of organic speech disorders, Freud developed a model in 1891 – analogous to his concepts regarding hysterical paralyses – that decoupled language from purely neurological causes. At the center of the grammatical functions within the »word-object-presentation complex« he formulated, he placed a process of word formation brought about primarily by the automatic »sound-switch« linkage of acquired object-presentations with the so-called *sound-image*. As he subsequently demonstrated in a lesser-known work from 1898, this linkage can fail; the word – or a PIN, etc. – is forgotten. It is precisely during this process that substitute words – or fragments thereof – emerge, offering insight, at the very least, into the linguistic network surrounding the original word. Since this »sound-blockage« also impacts dream formation, it can be assumed that, in both dream formation and the forgetting of words, these fragments originate from the period of infantile language acquisition and are subsequently utilized during the formation of dreams. Both of these »symptoms« are underpinned by a circumscribed regression – a phenomenon also observable during the process of falling asleep. My own investigations into dream formation suggest that the spontaneous re-collection of a forgotten word can be attributed to its dual (gestural-motor) encoding. Finally, drawing upon a third diagram from »The Ego and the Id«, it is posited that this »toggle-switch« function serves to characterize the overall operations of the Preconcious System (Vbw). Taken together, Freud’s three drawings ultimately reveal themselves to be facets of a single unity.
