Heft 64 (32. Jg. 2019): Ein Wiederbeginn nach Holocaust, Krieg und Freuds Tod: Der Internationale Psychoanalytische Kongress in Zürich 1949

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Claus-Dieter Rath
13 Jahre nach Marienbad -Jacques Lacans zweiter Kongress-Vortrag über das »Spiegelstadium« (S. 81-101)

Zusammenfassung: Jacques Lacan kommt beim IPV-Kongress in Zürich auf seinen beim Kongress 1936 in Marienbad gehaltenen Vortrag zum Spiegelstadium zurück, von dem kein direktes schriftliches Zeugnis existiert und den er seinerzeit nicht in voller Länge halten konnte. Der Begriff Spiegelstadium steht bei Lacan für eine Phase (zwischen dem 6. und 18. Monat), in der eine Begegnung des Kindes mit seinem Spiegelbild eine tiefgreifende Prägung erzeugt. Diese als »ich« (je) wahrgenommene Gestalt gibt dem noch unkoordinierten Kind einen imaginären Halt und lindert – als nützlicher Schein – seine Angst vor einer ursprünglichen Zerrissenheit. Aus dieser Nichtübereinstimmung, die ein Leben lang anhält, folgt für Lacan jedoch auch, dass »Ich« nicht die Instanz der Erkenntnis, sondern des Verkennens ist. Dessen sollte sich das Subjekt bewusst werden, um sich vor dem narzisstischen Ganzheitswahn zu schützen. Ausgehend von einigen Aspekten der Marienbader Episode werden Schwerpunkte des damaligen und des Zürcher Vortragstextes erörtert. Da auch die Fassung von 1949 nicht den Abschluss von Lacans Theorie des Spiegelstadiums, sondern einen Knotenpunkt in einem sich transformierendem Theorie- und Praxisgewebe darstellt, werden einige spätere Äußerungen angedeutet.

Summary: 13 years after Marienbad - Jacques Lacan‘s second congress lecture on the ›mirror stage‹. At the IPA congress in Zurich, Jacques Lacan returns to his lecture on the mirror stage at the 1936 congress in Marienbad, of which no direct written testimony exists and which he was unable at the time to keep in full length. The term mirror stage in Lacan stands for a phase (between the 6th and 18th month) in which an encounter of the child with his mirror image creates a profound imprint. This figure, perceived as »I« (je), gives the still uncoordinated child an imaginary hold and alleviates, as a useful illusion, his fear of an original disruption. For Lacan, however, it follows from this incongruity, which lasts a lifetime, that the »ego« is not the agency of knowledge, but of denial. The subject should become conscious of this in order to protect himself from narcissistic mania of wholeness. Starting from some aspects of the Marienbad episode, main topics of the then and the Zurich lecture are discussed. Since the version of 1949 is not the conclusion of Lacan’s theory of the mirror stage, but a node in a transforming theory and practice fabric, some later comments are hinted at.

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