Heft 72 (36. Jg. 2023): Sexualwissenschaft und Psychoanalyse: Personen & Organisationen, Theorie & Praxis

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Marina d’Angelo
… e quindi uscimmo a riveder le stelle. Auf den Spuren von Dante in Freuds Werk (S. 179-193)

Zusammenfassung: Es ist bisher wenig bekannt, dass Freud ein Kenner und Verehrter Dantes war und dass die Jenseitsreise, vor allem der Abstieg in die Hölle von Dante und Vergil, eine nicht unbedeutende Rolle der in Entstehung der Traumdeutung spielte, die bereits in ihrem Motto auf die Hölle verweist (Acheronta movebo!). Als zwanzigjähriger Student kaufte sich Freud in Triest ein Exemplar der Göttlichen Komödie auf Italienisch, 62 Jahre später, 1938, schenkte ihm eine Nichte eine zweibändige deutsche Edition. So begleitete ihn das Werk sein ganzes Leben hindurch. Die Jenseitsreise Dantes wurde zur Metapher für den schwierigen Durchbruch der Psychoanalyse und für die Selbstanalyse Freuds, wie der Briefwechsel mit Wilhelm Fließ zeigt, dem Freud eine ähnliche Begleiterrolle zuschrieb, wie sie Vergil bei Dante ausübte. Als Analytiker übernahm Freud später explizit selbst diese Funktion gegenüber seinen Patienten. In seinen Schriften finden sich etliche Zitate oder Verweise auf Dante, die in diesem Beitrag verfolgt und erläutert werden.

Summary: e quindi uscimmo a riveder le stelle. On the traces of Dante in Freud’s work. It is little known that Freud was a connoisseur and admirer of Dante and that the afterlife journey, especially the descent into hell of Dante and Virgil, played a not insignificant role in the creation of the Interpretation of Dreams, which already refers to hell in its motto (Acheronta movebo!). As a 20-year-old student, Freud bought a copy of the Divine Comedy in Italian in Trieste; 62 years later, in 1938, a niece gave him a two-volume German edition. Thus the work accompanied him throughout his life. Dante’s journey through the inferno became a metaphor for the difficult breakthrough of psychoanalysis and for Freud’s self-analysis, as documented by the correspondence with Wilhelm Fliess, to whom Freud assigned a similar role as a companion to that played by Virgil with Dante. As an analyst, Freud himself later explicitly assumed this function towards his patients. There are several quotations of or references to Dante in his writings, which are traced and explained in this paper.